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Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht

Rekonstruktion einer verlorenen Identität

Was bleibt von einer Persönlichkeit, von einer Biographie übrig, wenn ein Mensch sein Erinnerungsvermögen verloren hat? Was bleibt von einem Menschen übrig, dem die sprachliche Ausdrucksfähigkeit sowie die Erinnerung an das früheres Ich und Leben abhanden gekommen sind? Was bleibt von einem Menschen, der seinen Körper nicht mehr kontrollieren kann? In ihrem Roman Du stirbst nicht behandelt Kathrin Schmidt elementare Fragen des Lebens. 

Im Jahr 2002 platzt der Schriftstellerin Kathrin Schmidt ein Blutgefäß in ihrem Gehirn. Sie erleidet eine Subarachnoidalblutung, liegt zwei Wochen im Koma, kann danach nicht sprechen und ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt. Diese existentielle Erfahrung grundiert den Roman Du stirbst nicht, für den sie 2009 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird.

Die Schriftstellerin Helene Wesendahl erwacht halbseitig gelähmt und ohne sprechen zu können nach einer Hirnblutung in einem Krankenhaus aus dem Koma. Sie weiß nicht, wer sie ist, wo sie sich befindet, was mit ihr geschehen ist, geschweige denn, wer die Menschen um sie herum sind. Unfähig sich zu bewegen, sich zu artikulieren oder zu erinnern, hört sie und nimmt sie wahr, was um sie herum im Raum geschieht. Sie ist jedoch nicht fähig, das Gehörte und Wahrgenommene einzuordnen. Im Zustand der Sprachlosigkeit kann sie nicht einfach nachfragen. Erst langsam und stufenweise begreift Helene ihre Situation, und dass sie sich in einem Krankenhaus befindet. Der Genesungsprozess erweist sich als ein langwieriger und schmerzvoller Prozess, indem sie lernt, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und zu arrangieren.

Kathrin Schmidts Roman ist jedoch nicht nur autobiographische Nacherzählung des eigenen Schicksals. Auf der Grundlage von Erlebtem geschrieben, handelt es sich um eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Im Mittelpunkt stehen die Themenbereiche Sprach-, Erinnerungs- und Identitätsverlust, Verlust von Körperkontrolle, eine Ehekrise, die prekäre Liebesgeschichte mit einer Transsexuellen sowie der lange und schwere Genesungsprozess und die Wiederaneignung von Sprache, Erinnerung und Körperkontrolle.

Wiederaneignung der Sprache

Helene kämpft sich Wort für Wort und Satz für Satz zurück ins Leben. Kathrin Schmidt hat der Erzählerin eine Sprache gegeben, die mit der Rekonvaleszenz der Protagonistin korreliert und zugleich eine leibliche Sprache ist. Sie schildert Helenes Zustand mitleidslos und derb, wenn sie ihre körperlichen Defizite beschreibt: Der „Hinternabwischer“ wischt ihr die „Scheiße“ ab. (DSN 14-15) Helene „bekackt“ sich. (DSN 35) Sie blutet, sabbert und spuckt. (DSN 14, 45, 142, 173-176) Als sie dringend zur Toilette muss, hat sie „das Klo nicht unterm Arsch.“ Beginnt der Roman mit kurzen Abschnitten einfacher Sätze, so verlängern sich mit der Zeit Abschnitte und Sätze zu längeren Erzählbögen. Helene ordnet sowohl ihre bis dahin eher zersplitterte Sprache als auch ihre Innen- und Außenwelt neu. Kathrin Schmidt lässt sie im Verlauf des Romans einen Prozess durchlaufen, der in einem Zustand der völligen Aphasie beginnt und sie bis zur Niederschrift eines Textes über Büchners „Lenz“ führt. Sie gewinnt nicht nur ihre Stimme und ihre Eigenständigkeit zurück, sondern Sicherheit im Umgang und im Gebrauch von Worten. Helene hat eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Genesung und zu einem unabhängigen Leben genommen.

Rückgewinnung der Erinnerung

Als Helene Wesendahl erwacht, fehlt ihr das Persönlichste – die eigene Vergangenheit. Ohne das Erinnerungsvermögen aber ist die Identitätsbildung undenkbar. Um ihre Position in ihrem bisherigen, jetzigen und späteren Leben bestimmen zu können, muss Helene ihre Vergangenheit rekonstruieren. Ihre Erinnerungsarbeit wird zu einer Entdeckungsreise in das eigene Selbst. Sie versucht, sich an verschiedene Ereignisse und Etappen ihres bisherigen Lebens zu erinnern: An das Leben und die problembeladene Ehe mit Matthes, ihre Beziehung bzw. Affäre mit der transsexuellen Viola, an ihr Leben und Aufwachsen in der DDR sowie an die Vor- und Nachwendezeit. Durch die Rekonstruktion der Beziehungsgeflechte macht Schmidt gesellschaftliche wie private Machtbeziehungen sichtbar, die über die vordergründige Krankheitsgeschichte hinausweisen.

Helene denkt und erinnert überwiegend assoziativ. (DSN 68-69) Manchmal sind ihre Erinnerungen fragmentarisch oder sequenzartig aufgebaut. (DSN 138) Zeitweise erinnert sie sich bewusst und gezielt, dann kommen die Erinnerungen unbewusst und unwillkürlich. (DSN 85) Erinnerungen können aber trügerisch und unzuverlässig sein. „Falsche Erinnerungen“ sind ein fester Bestandteil unseres Gedächtnisses, ohne bewusste Lügen oder Täuschungen zu sein. Dadurch wird jede Erinnerung zu einer Konstruktion, welche die Vergangenheit nicht einfach wieder aufleben lässt, sondern sich täglich verändert. (Hans J. Markowitsch/Sina Kühnel) Dieser meist schwierige Erinnerungsprozess bestimmt den Text. Erinnern nimmt Helene körperlich mit, da sich ihre brüchigen und fragmentarischen Erinnerungen häufig einer vollständigen Rekonstruktion widersetzen. (DSN 109, 116) An einer Stelle wird die Erinnerungsarbeit des Gedächtnisses mit einer „abschüssigen Bahn“ verglichen, auf der „jeder Gedanke sofort abrollte“ im „angstvollen Durcheinander der Gedankenfluchtfetzen.“ (DSN 121) Bisweilen hat Helene das Gefühl, ihr fehle eine „Halteleine“, weil ein Gedanke zum nächsten flieht, ohne Spuren zu hinterlassen. (DSN 74) Dann wieder bräuchte sie einen „Erinnerungsfaden“, an dem sie sich in Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen entlanghangeln könnte. (DSN 39) Dann wieder geht das Erinnern gut, „wenn sie ein Seil auswirft. Er verhakelt sich dort, wo es dunkel ist, und sie kann sich daran vorwärtsziehen.“ (DSN 93)

Helene befindet sich in einem Gefühlschaos bestehend aus Unwissenheit und Unsicherheit, gepaart mit Gefühlen der Wut und Aggression gegen ihren Ehemann Matthes, der wissend auf sie schaut und doch nichts über den Zustand ihrer Beziehung sagt. Wie sich herausstellt, hatte Helene niemals vor, ausziehen, und sie wollte auch keine Trennung, sondern sie wollte Matthes dazu bringen, sich auf sie einlassen und zu ihr zurückkehren.

Helene verliebte sich in Viola. Maljutka, wie Helene sie mit Kosenamen nennt, war früher ein Mann: Viktor, der sich zwischen den Geschlechtern bewegte, sich im männlichen Körper falsch fühlte, sich als Frau empfand. Er entschloss sich zu einer geschlechtsangleichenden Operation, die ihn zur Frau machen sollte, und die ihn/sie aber letztlich geschlechtsindifferent zurückließ. Der Gedanke, eine Frau geliebt zu haben, führt dazu, dass Helene ihre Identität hinterfragen muss. (DSN 138) Helene weiß nun nichts mehr mit dem Gedanken anzufangen, dass sie Matthes zuvor verlassen wollte. Wie aber trennt man sich als Hilflose von einem Mann, der sich so rührend um einen kümmert, und dem man zu Dankbarkeit verpflichtet ist? Hatte er nicht schon früher ihre „depressiven Großzackenattacken“ hingenommen? Sie ist ihm „dankbar. Dankbar wie in den ganz frühen Jahren, als sie sich sicher gewesen war, dass er der einzig Richtige für sie war.“ (DSN 179) Und doch hatte dies sie nicht davon abgehalten, sich in einen anderen Menschen zu verlieben. (DSN 282) Klar ist, dass Helene die Beziehung zu Matthes wiederaufleben lassen wollte. (DSN 300)

Die Affäre mit Viola nahm ein erschütterndes Ende: Helene wollte Maljutka den Abschied geben, aber nicht ohne sich ein Hintertürchen offen zu lassen:

So ein Türchen sollte der Abschied schon offen lassen, es war, als wollte sie, wenn schon nicht den Fuß, so aber doch den Schuh dort stehenlassen. Schon aber fragte sie sich, wovon sie sich in diesem Falle zu verabschieden hatte. Von täglichen, mitunter sogar mehrmals täglich gewechselten Mails? Von Nichttagen und Nichtnächten, die sie miteinander hatten? Wie lange hatten sie einander schon nicht mehr gesehen? (DSN 282)

Die Nachricht von Violas Tod löst bei Helene nicht nur eine schwere körperliche (Schock-)Reaktion ähnlich einem epileptischen Anfall aus. (DSN 223ff.) Für Helene stellt sich die Frage nach den Umständen dieses Todes. (DSN 234) Matthes klärt sie auf: Violas Söhne fanden sie tot im Bett ihres Schlafzimmers vor. Der Verwesungsprozess war bereits vorangeschritten. Letztlich hat ihr Violas Tod eine wirkliche Entscheidung zwischen den beiden abgenommen.

Nie darf man die komplexe Erzählkonstruktion des Romans vernachlässigen, in der Kathrin Schmidt zwar eine personale Erzählperspektive einnimmt, aber nicht mit der Figur Helene übereinstimmt. Nicht nur die beschriebenen Erinnerungen Helenes sind als unzuverlässig anzusehen, sondern auch der Erzähler. Ob die Leine zwischen Matthes und Helene wirklich gekappt ist, oder nicht einfach nur eine neue Leine der Abhängigkeit durch ihre Pflegebedürftigkeit gespannt wurde, lässt der Text offen.

Wiederherstellung des Körpers

Kaum in der Verfassung ihre Augen zu öffnen, nahezu unbeweglich und ihres Sprachvermögens beraubt, weiß Helene nach dem Koma zunächst nicht, in welcher Situation sie sich befindet. Und noch während sie reglos daliegt, auf ihre Körperfunktionen reduziert, behandelt das Pflegepersonal Helene wie bloße Versorgungsmasse. Auch der Mangel an Privatsphäre wird von ihr als entwürdigend empfunden. Sie reagiert mit Eigensinn und Ablehnung auf Therapien, deren Sinn und Zweck ihr nicht einleuchten. Kathrin Schmidt bringt dies mit sprachlichem Witz doppeldeutig zum Ausdruck:

Helene hat Pläne. Jemand hat die für sie aufgestellt. Sie hängen über ihrem Kopfende und sagen an, was zu tun ist. In dieser Woche: physiotherapeutisches Turnen in Einzelbehandlung, ein Schwimmversuch, Ergotherapie im Keller, Massage, Logopädie, psychologische Einzelkonsultationen, progressive Muskelentspannung, eine Konsultation des Sozialdienstes, Psychogruppe. Ihr wird schlecht. (DSN 152-153)

Der Weg der Genesung ist ein langsamer und schmerzhafter Prozess, in dem sich Helene mit Demütigungen und Schamgefühlen arrangieren muss. Bestimmte Fähigkeiten hat sie (vielleicht für immer) verloren. (DSN 45, 229) Trotz allem wird dieser versehrte und invalide Körper für Helene immer wieder zu einem verlässlichen „Navigationssystem,“ (Maja Rettig) dessen Symptome und Warnsignale sie erkennen und deuten lernen muss. Dadurch bilden sich neben der Wahrnehmung ihrer Defizite, Ängste, Peinlichkeiten und Befangenheiten auch neue Sicherheiten heraus.

Helene nimmt nicht nur massive Einschränkungen ihrer Autonomie wahr, sondern beginnt sich mit ihrem entfremdeten Selbstbild und -verständnis zu identifizieren. Helene ist von Beginn an auffällig mit ihrem (Selbst)Bild beschäftigt und mit der Frage, welchen Eindruck sie bei anderen hinterlässt. Kein (Selbst)Bild von sich zu haben, ist ein unerträglicher und quälender Zustand. (DSN 13)

Kathrin Schmidt variiert diese Problematik durch das Spiegelmotiv. Die Mitpatienten mit ihren ebenfalls außerordentlichen Körpern spiegeln Helene verwüsteten Körper. Sie durchläuft einen Lern- und Entwicklungsprozess, an dessen Ende sie zu dem Ergebnis kommt, dass sie sich nicht von den anderen Patienten unterscheidet. Sie lernt ihren defizitären Körper als Teil ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren.

Am Ende des Romans hat Helene ungeachtet ihrer körperlichen Einschränkungen an Gelassenheit und Zufriedenheit hinzugewonnen. Obwohl andere sie nicht als gesund wahrnehmen, ist Helene selbstsicherer geworden. Was andere über sie denken, ist ihr nun mehr oder weniger egal.

Ein beschwerlicher Weg zurück ins Leben

Helene gelangt zum Schluss wieder dort an, von wo aus die Handlung ihren Ausgang nahm. Sie kann sich an die Zeit bis hin zum Moment der eintretenden Hirnblutung erinnern. Kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch läuft sie die Treppe hinunter zu ihrem Mann mit den Worten „Ich sterbe“. Matthes erwiderte mit ruhiger, tröstender und überzeugter Stimme „Du stirbst nicht“. (DSN 348) Mit der Rückkehr dieser Erinnerung endet der Roman. Die Rückkehr nach Hause, in die ordentlichen, angestammten Verhältnisse steht bevor. Wurde die alte „Matthesordnung“ wirklich durchbrochen? Erfährt Helene im Verlauf des Heilungsprozesses eine menschliche Wandlung? Sie reflektiert über ihre Ehe und ihre früheren Verhaltensmuster. Am Ende glaubt sie, es habe sich ein „Gesinnung- und  Verhaltenswandel“ vollzogen. (DSN 323) Ob sie die alten Verhaltensmuster wirklich abgelegt haben, wie Helene suggeriert, oder nicht einfach nur neue Abhängigkeiten gebildet haben, lässt der Text offen. Während sie sich ihren Körper, ihre Sprache und ihre Erinnerung wieder aneignet, emanzipiert Helene sich nicht, sondern rekonfiguriert ihre Beziehungen. Du stirbst nicht, ist eindeutig auf Helene bezogen. Helene wird weiterleben, während Viola stellvertretend für sie stirbt.

Kathrin Schmidt vertritt selbst die Ansicht, dass der Roman einige Schwächen aufweise und ab und an etwas holprig sei. Das zeugt von hohem Anspruch. Denn Kathrin Schmidt ist ein Roman von großer sprachlicher Intensität und voller intertextueller Verweise, Metaphorik und rhetorischer Stilmittel gelungen.

Aktuelle Informationen über die Autorin gibt es hier.

Weiterführende und vertiefende Literatur:

  • Böttiger, Helmut, Das Wortkartenhaus. Zwischen Todesnähe und Sprachfindung: Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ geht unter die Haut, in: ZeitOnline, Online im Internet: URL: ZeitOnline, abgerufen am 14.5.2014.
  • Byrnes, Deirdre, Writing on the Threshold: Memory, Language and Identity in Kathrin Schmidt’s Du stirbst nicht, in: Heffernan, Valerie/Pye, Gillian (Hrsg.), Transitions: Emerging Women Writers in German-Language Literature, Amsterdam 2013, S. 169-185.
  • Hamm, Simone, Sprache und Identität, in: Deutschlandfunk, Online im Internet: URL: Deutschlandfunk, abgerufen am 12.5.2014.
  • Kaiser, Gerhard R., Eine menschenfreundliche Literatur. Laudatio auf Kathrin Schmidt, in: Palmbaum: Literarisches Journal aus Thüringen, Band 21, Heft 2 = 57, 2013, S. 218-227.
  • Klocke, Sonja E., Inscription and Rebellion. Illness and the Symptomatic Body in East German Literature, Rochester, 2015.
  • Klocke, Sonja E., Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht: A Womans´s Quest for Agency, in: Marven, Lyn/Taberner, Stuart (Hrsg.), Emerging German-Language Novelists of the Twenty-First Century, Rochester/New York 2011, S. 228-242.
  • Lermen, Birgit, Einführung in das Werk von Kathrin Schmidt, in: Schumpelick, Volker/Vogel, Bernhard (Hrsg.), Medizin nach Maß. Individualisierte Medizin – Wunsch und Wirklichkeit. Freiburg im Breisgau 2011, S. 429-438.
  • Magenau, Jörg, Auf der Suche nach dem verlorenen Leben. Kathrin Schmidt hat ein Hirntrauma überstanden und darüber einen eindrucksvollen Roman geschrieben, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, Online im Internet: URL: Cicero, abgerufen am 18.2.2015.
  • Markowitsch, Hans J./Kühnel, Sina, Falsche Erinnerungen. Die Sünden des Gedächtnisses, Heidelberg 2009.
  • Rettig, Maja, Die große Versehrung, „Du stirbst nicht“: Kathrin Schmidt hat den Roman zu ihrer Hirnblutung geschrieben, in: literaturkritik.de, Online im Internet: URL: literaturkritik, abgerufen am 20.9.2015.

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