Anatoli Pristawkin, Schlief ein goldnes Wölkchen

Waisenkinder in Tschetschenien

Es ist Winter, Anfang des Jahres 1944. Die Rote Armee ist zur Offensive übergegangen, drängt die deutsche Wehrmacht in der Ukraine zurück und durchbricht den Belagerungsring um Leningrad. Hinter der Front, in Moskau herrscht Hunger. Besonders hart trifft es Kinder, die in russischen Waisenhäusern davon abhängig sind, was und wie viel man ihnen zu essen gibt – oder was sie sich organisieren können. Der Roman Schlief ein goldnes Wölkchen von Anatoli Pristawkin folgt dem Schicksal der Kusmin-Zwillinge, elf Jahre alt, die in einem Moskauer Waisenhaus davon träumen, einmal in den Brotschneideraum, das „Reich des Brotes“, zu gelangen, den die jugendlichen Kriminellen, die Starken, die das Waisenhaus beherrschen, kontrollieren. Um Brotrinde zu bekommen, müssen sich die Kleinen sonst in die Sklaverei der Großen begeben.

Die Kusmin-Zwillinge halten zusammen, nutzen ihre Ähnlichkeit, um ihre Umgebung zu täuschen, und ihre Fertigkeiten, um zu stehlen und zuzupacken, wenn sich eine Gelegenheit ergeben sollte. Saschka ist dabei der mit dem „goldenen Köpfchen“, Kolka der gerissenere, praktischere der beiden. Gemeinsam graben sie über Wochen einen Tunnel von einem Schuppen im Hof, um in den Brotschneideraum einzubrechen. Im Sommer bricht der Tunnel eines Nachts plötzlich ein und die Brüder beschließen, sich freiwillig auf einen Transport von 500 Moskauer Waisenkindern in den Kaukasus zu melden, bevor man im Waisenhaus Verdacht schöpft, wer für den Tunnel verantwortlich sein könnte.

Tschetschenien 1944

In den sowjetischen Gebietsbehörden war man im Frühjahr 1944 auf die Idee gekommen, die Hunderte Waisenhäuser in und um Moskau zu entlasten, indem man die Kinder in den gerade befreiten Kaukasus schickte. Von diesen Überlegungen wussten die Kinder nichts. Ebenso wenig konnten sie wissen, dass von November 1943 bis Juni 1944 sechs Volksgruppen, darunter die Tschetschenen, unter dem Vorwand, mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert zu haben, nach Sibirien, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan deportiert worden waren, insgesamt etwa 900.000 Menschen. Als Vorwand diente, dass einige wenige deutsche Kommandoeinheiten die Autonome Provinz Tschetschenien-Inguschien im Herbst 1942 für knapp zehn Wochen besetzt hatten. Im Februar 1944 wurden knapp 500.000 Tschetschenen und Inguschen deportiert. Zehntausende erfroren schon in den Transportzügen.

Hadschi Murat (Portrait von Grigori Gagarin, 1847)

Aber die Beziehung zwischen Tschetschenen und russischer Zentralmacht war seit dem 19. Jahrhundert von bewaffneten Konflikten geprägt. Michail Lermontow, aus dessen Gedicht „Der Felsen“ (1841) Pristawkin den Titel seines Romans entlehnt hat, kämpfte 1840 gegen sie – und prägte wie Alexander Puschkin vor ihm und Leo Tolstoi nach ihm das russische Bild des Tschetschenen als eines freiheitsliebenden Kriegers. Im Schulunterricht im Waisenhaus lernen die Kinder Gedichte Lermontows. Doch die Kusmin-Zwillinge interessieren sich weniger für den Felsen in Tschetschenien als für den Felsen, der ihnen den Weg in den Brotschneideraum versperrt.

„Was sollten sie mit Liedern und Gedichten? Ob sie sangen oder Gedichte aufsagten, sie dachten ja doch nur ans Fressen. Hunger und Not denkt nur an Brot.“

S. 19

So stellt sich Saschka den Kaukasus voller offener Brotschneideräume vor, wo er so viel essen kann, wie er will. Hunger ist das bestimmende Motiv des Romans, Hunger und das Stehlen, um den Hunger zu stillen. Ob die Zwillinge einen Stopp in Woronesch dazu nutzen, eine Marktfrau um einen Laib Brot zu erleichtern, ohne den sie die lange Reise vielleicht nicht überlebt hätten, ob der Lokomotivführer auf freier Strecke hält, um den Kindern zu ermöglichen, sich auf den umliegenden Feldern satt zu essen, ob Saschka und Kolka  bei der Arbeit in einer Konservenfabrik der Kolchose mit einem ausgetüftelten System, Dutzende von Marmeladengläsern herausschmuggeln, bis hin zu der Frage, wem eigentlich das Land gehört, auf und von dem die Versprengten und Umgesiedelten im Kaukasus leben, stets sind die Fragen, wie man sich zu essen beschafft und von wem, existentielle Fragen, Fragen von Sterben oder Überleben.

Verwahrlost, geflickt, abgerissen, verlaust in dem Moskauer Vorort, laufen wir jetzt gleichsam vor uns selbst davon mit Freude. Wir fliegen ins Ungewisse wie Samen durch die Wüste.

Durch die Kriegswüste, muß es heißen.

Irgendwo in einem Spalt, einer Ritze, einem zufälligen Erdloch werden wir hängenbleiben. Und wenn uns Zärtlichkeit und Obsorge wie Lebenswasser begießt, werden wir groß werden.

Wie ein kümmerliches Zweiglein, wie ein Grashälmchen, wie ein winziger blasser Kartoffelkeim werden wir heranwachsen, aber es fragt auch keiner nach uns. Vielleicht wachsen wir auch nicht heran und tauchen für immer ins Unbekannte. Dann fragt auch keiner nach uns. Es gibt uns nicht, also hat es uns nie gegeben. Also war das auch nicht notwendig.

S. 28

Anatoli Pristawkin

In Passagen wie diesen durchbricht Anatoli Pristawkin die Erzählung, tritt selbst in seinen Roman ein und beglaubigt das Erzählte als Selbst-Erlebtes. Geboren 1931 wuchs Pristawkin nach dem Tod seiner Mutter während des Krieges in verschiedenen Waisenhäusern auf, leistete seinen Wehrdienst, absolvierte eine Ausbildung zum Flugzeugtechniker und fand über den Journalismus zur Literatur. Er studierte am Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut, an dem er später als Professor unterrichten sollte.  Schlief ein goldnes Wölkchen ist mit den Romanen Der Soldat und der Junge (1981) und Wir Kuckuckskinder (1991) Mittelstück einer autobiographisch inspirierten Trilogie. Der Roman erschien erstmals 1987 in gekürzter Form in der Sowjetunion und Anfang 1989 in deutscher Übersetzung beim DDR-Verlag Volk und Welt. Die Nachauflage von 1992 stützt sich auf eine ungekürzte Version, wobei nicht zu eruieren war, was genau gekürzt wurde.

Anatoli Pristawkin, (Kremlin.ru, CC BY 4.0)

In den 1970er-Jahren waren mit Büchern sowjetischer Autoren wie Juri Trifonow, Wladimir Tendrjakow, Wassil Bykau oder Tschingis Aitmatow in der DDR bereits literarische Werke erschienen, die in der offiziösen Presse unterdrückte Wahrheiten vermittelten. Es bedurfte dennoch der Perestroika, um die Publikation von Pristawkins Roman zu ermöglichen, der vor dem Hintergrund der verbrecherischen Politik des Stalinismus spielt und Korruption, Vernachlässigung und Verbrechen beschreibt. Aufgrund des hohen Ansehens, das die Sowjetunion in der DDR genoss, wurde sowjetische Literatur weniger streng zensiert und intensiv der Öffentlichkeit nahegebracht, „Die Sowjetliteratur“, so beschreibt es Pristawkins Übersetzer Thomas Reschke, wurde „zu einem Vehikel, mit dem oppositionelles Gedankengut quasi legal in die noch immer diktatorisch regierte DDR eingeschmuggelt wurde.“1Thomas Reschke, „Weinen um Russland“ – aber nicht nur!. Laudation auf den Preisträger, in: Abraham Peter Kustermann (Hg.), Der Wiedergeburt und dem Aufbau verschrieben. Verleihung des Aleksandr-Men-Preises 2002 an Anatoli I. Pristawkin, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, 2002, S. 29. (PDF)

Dass Pristawkin gleichwohl keine Autobiographie, sondern einen Roman geschrieben hat, liegt in seiner Fabel begründet. Auf einem Halt auf ihrer Fahrt in den Kaukasus stößt Kolka auf einem entlegenen Endgleis auf einen anderen Transportzug mit vergitterten Fenstern, hinter denen sich Kinder befinden, solche mit schwarzen Augen und einer sonderbaren Sprache, die, was Kolka erst viel später herausfinden wird, um Wasser betteln. Es ist ein Zug, der ihn an ihren eigenen Kinderzug erinnert und in die entgegengesetzte Richtung fährt. Tschetschenische Kinder und russische Kinder – im Grunde sind beide von derselben Art, alle Opfer des Verrats der Erwachsenen.

„Ich denke, alle Menschen sind Brüder“, würde Saschka sagen, und dann würden sie schweben, schweben, weit weg, dahin, wo die Berge sich mit dem Meer vereinigen und die Menschen noch nie vom Krieg gehört haben, in dem der Bruder den Bruder umbringt.

S. 265

Verlust der Kindheit

Pristawkins Roman erklärt wenig, sondern lebt von seiner Spannung, geschickten Dehnungen der erzählten Zeit, Cliffhangern und humorvollen Einlagen. Er nimmt den Leser emotional mit, lässt ihn am Schicksal teilhaben. Als die Kinder an ihrem Bestimmungsort, einem ehemaligen Landwirtschaftstechnikum, ankommen, ist die Spannung bereits zu spüren. In den Bergen knallt es dumpf und bedrohlich, angeblich Sprengungen faschistischer Minen. Die Dörfer scheinen verlassen, keine bellenden Hunde, keine krakeelenden Hühner, keine kreischenden Ferkel, aber die Brüder hören da und dort dumpfe Stimmen hinter dem Zaun. Wie sich später erst zeigt, halten sich versprengte, bewaffnete Tschetschenen in den Bergen versteckt und verüben Racheakte an denen, von denen sie meinen, dass sie ihnen ihr Land gestohlen haben. Es brennen eines Nachts Gebäude des Kinderheims. An einem geselligen Abend in der Kolchose überfallen tschetschenische Reiter die Kolchose und sprengen einen Lastwagen. Als sowjetische Soldaten gegen die Rebellen im Gebirge vorgehen, gelingt einigen Tschetschenen der Durchbruch ins Tal und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. 

Wir hatten nicht Angst, vielleicht sterben zu müssen. Uns war unheimlich wie einem gehetzten Tierchen, das in ein unbekanntes mechanisches Ungeheuer hineingeraten ist und von ihm nicht aus dem Lichtstreifen herausgelassen wird! Wir waren wie kleine Tiere, wir spürten mit der Haut, daß wir hineingetrieben waren in diese Nacht, in diesen Mais, in diese Brände und Explosionen…

S. 161f.

Der Roman beschreibt den Moment, in welchem die Kindheit verloren geht, aber das ist nicht der Moment der Angst oder des größten Leids, sondern ein Moment des Glücks, einer Idylle, durch den ein erzählendes Ich, vermutlich der junge Pristawkin, erkennt, dass er sterblich ist. „Kinder, so wie ich bis zu diesem Augenblick, leben, ohne um die Vergänglichkeit zu wissen, darum sind sie unsterblich.“

 

Verfilmung Ночевала тучка золотая von Sulambek Mamilow nach dem Drehbuch von Anatoli Pristawkin (1989, in russischer Sprache)

Die Deportation der Tschetschenen und Inguschen, der Kalmyken, Karatschaier und Balkaren, gehörte zu den stalinistischen Taten, die Nikita S. Chrustschow in seiner Geheimrede 1956 verurteilte. Die Tschetschenen konnten in ihre angestammte Heimat zurückkehren. Auch davon spricht Pristawkin, aber ebenso von den Veteranen der Roten Armee, die seinerzeit die Deportationen durchgeführt und die versprengten Tschetschenen im Gebirge verfolgt haben, und von denen er Jahre später in Moskau einige trifft.

Werden sie nicht von ihren Alpträumen gepeinigt, erscheinen ihnen nicht mitternächtlich die Schatten der Ermordeten, um sich in Erinnerung zu bringen?

Nein, sie erscheinen ihnen nicht.

Wenn sie mit ihren Enkeln gespielt haben, versammeln sie sich, erkennen einander an unsichtbaren, aber für sie eindeutigen Merkmalen. Das Siegel, das ihr Beruf ihnen aufgeprägt hat, scheint dauerhaft zu sein.

S. 259

Gequält und von ihren Träumen und Erinnerungen verfolgt werden andere, die in das neue Land gebracht wurden, und die der Zufall in irgendwelche Erdlöcher geweht hat.

Literatur

  • Anatoli Pristawkin, Schlief ein goldnes Wölkchen. Aus dem Russischen von Thomas Reschke, Berlin: Verlag Volk und Welt, 1989.

Weblinks

 

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