Boris Pahor, Nekropolis

 

 

 

Diese Touristenblicke, dessen bin ich mir unbeirrbar bewusst, werden nie in die abgrundtiefe Verworfenheit eindringen können, mit der unser Glaube an die Würde des Menschen und an seine persönliche Entscheidungsfreiheit Lügen gestraft wurden.

Nekropolis, S. 9

 

Reise in die Stadt der Toten

Die Zeitzeugen der Verbrechen des Nationalsozialismus sterben, unweigerlich. „Wenn der letzte Augenzeuge mörderischer Ereignisse verstummt ist, betreten die Nachlebenden die Zone des Zwielichts, der moralischen Indifferenz,“ meint Durs Grünbein. Dann schlage die Stunde des Revisionismus.1Durs Grünbein, Für Shlomo Venezia. Auschwitz, Dresden – und der Ehrgeiz der neuen Revisionisten, die Geschichte umzuschreiben, in: Sueddeutsche Zeitung, 13. Februar 2021. Doch weder sind moralische Indifferenz noch Revisionismus neu. „Wer weiß,“ meinte der KZ-Überlebende Boris Pahor schon vor über 50 Jahren, „vielleicht könnte der standardisierte Mensch nur von einem neuen Laienorden geweckt werden, der das gestreifte Sackleinen der KZ-Menschen anziehen, die Hauptstädte unserer Staaten überfluten und mit den harten Tritten der Holzpantinen die gepflegte Atmosphäre der luxuriösen Geschäfte und Promenaden beunruhigen würde.“ (S. 123)

Boris Pahor ist beides, lebendiger Zeitzeuge und Autor bleibender Zeugnisse. Geboren 1913 im italienischen Triest und Überlebender der Konzentrationslager Dachau, Natzweiler-Struthof, Dora-Mittelbau und Bergen-Belsen hat er bis vor wenigen Jahren auch in Deutschland noch selbst über seine Zeit in den Lagern berichtet. Sein Erlebnisbericht Nekropolis erschien 1967.

Pahor begann, über seine Erlebnisse zu schreiben, als er nach dem Krieg in einem französischen Lungensanatorium seine Tuberkulose auskurierte. Eine Erzählung, die später Teil von Nekropolis wurde, erschien 1948. Aber in seinen ersten Romanen ging es Pahor weniger um die Lager als um die Wiederentdeckung des Lebens nach den Lagern. Die Stadt in der Bucht (1955, dt. 2005) spielt in der Zeit nach dem Waffenstillstand zwischen Italienern und Alliierten 1943 und erzählt von dem Aufenthalt eines geflohenen slowenischen Soldaten in einem Dorf im Triester Karst. In der Villa am See (1955; dt. 2009) versucht ein KZ-Überlebender am Gardasee ins Leben zurückzufinden. Er habe das Leben erst wieder zurückgewinnen müssen, sagt Pahor, um Nekropolis schreiben zu können.

Nekropolis beginnt damit, dass ein erzählendes Ich im Auto inmitten von Touristen an einen Ort in den Bergen fährt. Im Tal liegt Schirmeck, der Ort in den Bergen ist das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, jetzt eine Gedenkstätte. Der Ich-Erzähler, so sagt er, erinnert sich in diesem Moment nicht daran, wie er damals auf einem schaukelnden Lastwagen auf der Kiste mit einem, „unserem ersten“ Toten gefahren ist – und erinnert sich damit doch. Er wünscht sich die „alte zerfahrene und holprige Straße“ zurück, um sich „eher zu der wirklichen Atmosphäre der Vergangenheit hinführen“ zu lassen. Damit sind die drei Zeitebenen markiert, die Pahor in seinem Buch verschränkt: Die Zeit in den Lagern und auf den Transporten, der Besuch in der Gedenkstätte vielleicht zwanzig Jahre später und die Reflexion über die Erinnerung an diese beiden Zeitebenen. (S. 10 f.)

KZ Natzweiler-Struthof nach der Befreiung, 2. Dezember 1944 (Unbekannter Fotograf, Public domain, via Wikimedia Commons)

Als Form wählt Pahor den Monolog. Er berichtet nicht, sondern versucht, die Welt der Lager möglichst intensiv zu beschreiben. Assoziativ beschwört er einzelne Episoden und Situationen, Erlebnisse und Erinnerungen herauf, reflektiert, befragt sich und gegen Ende des Buches auch die imaginierten, ehemaligen Kameraden. Ein chronologisches Gerüst existiert allenfalls auf der Ebene des Gedenkstättenbesuchs. Es geht Pahor nicht darum, die Funktion der Lager zu erklären, auch wenn die perverse Funktion einzelner Elemente, wie des Ofens in Natzweiler, in welchem die Toten verbrannt wurden und der zugleich das Wasser für den Duschraum der Lebenden erhitzte, erinnert werden.

Boris Pahor, ein slowenischer Schriftsteller

Geboren wurde Pahor in Triest, das seinerzeit zur k.u.k. Monarchie gehörte und nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen wurde. Als Angehöriger der slowenischen Minderheit erlebte er die Unterdrückung des Slowenischen durch die Faschisten. Noch in Nekropolis bezeichnet er die Entfernung der slowenischen Lehrer von den Triester Schulen 1923 als sein „schwerstes Trauma“ (S. 201). Das Italienische empfand er als auferlegt. In den Lagern schafft Nationalität Zusammenhalt und Solidarität unter Landsmännern.

Als Krankenpfleger versucht Pahor einmal vergeblich, einen 16jährigen Slowenen auf der Krankenstation zu behalten, wie die Belgier einen Staatsanwalt aus Antwerpen. Im Jetzt wäre er ein ganz anderer Krankenpfleger, meint Pahor, gesteht aber ein, dass ihm „in der Welt der endgültigen Negation … bestimmt wieder jeder Gedanke an die Zukunft“ ausgetrocknet wäre. Seine Beklommenheit, „das Bewusstsein des nahen Untergangs“, konstatiert Pahor, hatte ihm schon am Ende des Ersten Weltkriegs und unter dem Faschismus seine „Innenwelt vernebelt“. In der „Welt der Krematorien“ vollendet sich ihm das, was er schon zuvor erlebt hat. (S. 169) Das andauernde Aberkennen der Identität fand für ihn „seine äußerste Verwirklichung im Lager, wo man den Menschen zu einer bloßen Nummer reduzierte.“ (S. 28)

Schon von klein auf war ich um jede Vorstellung von kommenden Tagen gebracht worden – vor dem ewigen Ofen ist die Verschmelzung mit dem nackten momentanen Dasein endgültig geworden.

Titelbild „N.N nuit et brouillard du Docteur“ von André Ragot

Daraus entwickelte Pahor seine Überlebensstrategie und seinen Standpunkt als Beobachter. Die Katastrophe mied er mit Hilfe der Arbeit und sich selbst erhielt er „in der aktiven Fürsorge für die anderen am Leben.“ „[A]uf Grund der Verschmelzung mit der Angst,“ so scheint es ihm, sei er „eine unempfindliche Filmkamera gewesen, die nicht mitfühlte, sondern lediglich aufzeichnete“, allerdings eine Filmkamera, der die Erinnerung entzogen und die vom früheren Leben abgeschnitten war. (S. 169–171)

Nach seinem Schulabschluss hatte Pahor einige Zeit Theologie studiert. Erste literarische Versuche veröffentlichte er 1938. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg nahm er Kontakt zu slowenischen literarischen Kreisen auf, wurde 1940 zur italienischen Armee eingezogen und zum Dienst in die damalige Kolonie Libyen geschickt. 1941 dolmetschte er in einem Kriegsgefangenenlager für jugoslawische Offiziere am Gardasee. Nach der Kapitulation Italiens kehrte er im September 1943 nach Triest zurück. Er kam nicht mehr dazu, sich im Widerstand zu betätigen, sondern wurde im Januar 1944 verhaftet und in das KZ Dachau deportiert. Bis zur Befreiung im KZ Bergen-Belsen im April 1945 war Pahor noch in den Konzentrationslagern Natzweiler-Struthof und Dora-Mittelbau, bzw. im KZ-Außenlager Harzungen inhaftiert und überlebte mehrfach Evakuierungen und Todesmärsche.

Dolmetscher, Schreiber, Krankenpfleger

Er schreibt es dem Zufall zu, aber auch der besonderen Fähigkeit der Slowenen, sich in Fremdsprachen einzufühlen. Jedenfalls trifft Pahor, während er mit einer verbundenen Hand versucht, sich vor der Zwangsarbeit zu verstecken, in Natzweiler auf einen französischen Arzt, der ihn nicht nur verbindet, sondern auch ihm zuhört. Pahors Fähigkeit, slawische Sprachen wie Tschechisch, Polnisch, Russisch und Kroatisch zu verstehen, Französisch zu sprechen und Deutsch zu schreiben, fällt auf. Pahor wird Dolmetscher, Schreiber, Krankenpfleger. Er wird „in dieser Welt der ewigen Öfen“ zum „Zeuge[n] der Totenseite“. (S. 202)

Ein amerikanischer Soldat und ein Angehöriger der Résistance inspizieren das Krematorium von Natzweiler-Struthof, 2. Dezember 1944 (Unbekannter Fotograf, Public domain, via Wikimedia Commons)

Der Tod ist in Pahors Erinnerungen allgegenwärtig. In Natzweiler werden die Toten ins Krematorium, zum Ofen, getragen, von wo eine leichte Wolke aufsteigt und sich über die Dächer der Baracken ausbreitet.

Man macht den Mund zu und atmet durch die Nase aus, als könnte man die vernichtende Giftgaswolke überlisten. Lange kann man aber nicht mit dem Kopf zucken, es hilft auch nicht, wenn man den Tod aufmerksam ausatmet, sofern man ihn danach, wenn auch in kurzen, abgehackten Abständen, doch wieder einatmen muss. Es ist daher am besten, wenn man jeden Gedanken von sich weist, die Lungen passen sich dann selbsttätig der ins Unendliche reichenden Wellenlänge der Vernichtung an. Auch wenn ein plötzlicher Luftzug über den Berghang hinwegwehte, würde das den unveränderlichen Todesrhythmus nicht ändern, allein im Magen, in den Knochen, im Schädel würde sich jene Leere ausbreiten, die vom schweren Geruch benommen ist und sich in einer nebligen Narkose wiegt. (S. 64 f.)

Dagegen bewahren sich die Häftlinge Momente der Hoffnung. Ob sie auf Anzeichen achten, dass sich die Front und damit die Befreiung den Lagern nähert, ob sie alliierten Bombern am Himmel hinterherschauen oder ob sie Pläne schmieden, sich zu Hause mit Rotwein volllaufen zu lassen und feststellen, Dachau sei ja näher an zu Hause als Natzweiler, während gleichzeitig die Toten herausgetragen werden. Die berufliche Routine des Anblicks Tausender und Abertausender Körper mit den „Knochen gerupfte[r] Kranichküken“ entschwindet Pahor einmal angesichts des Körpers eines Landsmannes, dem er trotz geringer Hoffnung mit einer Injektion zu helfen versucht. Der Gedanke, dass der Kamerad am Nachmittag tot sein würde, scheint ihm jedoch „das kleinere Übel im Bewusstsein der Niederlage, der Naivität in der Niederlage, des stillen, fernen Abscheus vor der Ohnmacht in der Niederlage und der Naivität in der Ohnmacht“. (S. 121f.)

Ossa humiliata

Pahor spricht vom Hunger, schweigt aber auch nicht über Kannibalismus, beschreibt die Gewalt der SS-Leute, geht aber auch über die Selbstjustiz der Gefangenen untereinander nicht hinweg, beschwört die Allgegenwärtigkeit des zugefügten Todes, lässt aber auch die Todesspritzen nicht unerwähnt, die Häftlingsärzte und Pfleger anderen Häftlingen verabreicht haben. Mitgefühl unterliegt der existentiellen Bedrohung.

Wir fragten uns nicht, mit welchem Brennmaterial das Wasser erwärmt wurde, wir wünschten uns nur, dass die Wärme noch dauern würde und wir für eine Weile vergessen könnten, dass der nackte Körper schon bald wieder von der Höhenluft umarmt werden würde. (S. 258f.)

Er selbst rechtfertigt sich gegenüber seinen imaginierten Mithäftlingen, „Schatten mit härenen Kleidern“, dafür, dass er einmal für seine Machorka von einem Raucher dessen knappes Kommissbrot eintauschte.

Hätte ich ihm die Machorkas geschenkt, hätte wenigstens dieser Verlust einer Scheibe Kommissbrot nicht zum Verkümmern seines Wesens beigetragen. Er aber hatte erkannt, dass für ihn, selbst wenn er von diesen Wiesen gerettet würde, alles verloren war; also lachte der dem Tod ins Gesicht und gönnte sich das, was er am meisten mochte, womit er vielleicht eine ganz eigene Würde erreichte. Wir aber, die wir unsere Augen vom ausgetrockneten, rissigen Brot nicht abwenden konnten, verschrieben uns der Zwergenhaftigkeit. (259f.)

Mémorial national de la déportation, (Foto von Antoine 49, lizensiert unter CC BY-NC-ND 2.0)

Nekropolis, das ist eine Stadt der Toten. Schon im Sommer 1945 hatte die französische Regierung die Bedeutung Natzweiler-Struthofs als Gedenkort anerkannt. Natzweiler sollte für das widerständige Frankreich des Zweiten Weltkriegs stehen. 1954 wurde die Errichtung eines Denkmals für die „Märtyrer und Helden der Deportation“ beschlossen, das von Architekt Bertrand Monnet und Bildhauer Lucien Fenaux in Form eines 41 Meter hohen Monuments gestaltet wurde, umgeben von einer Nationalen Nekropole, einem Friedhof für 1.114 Franzosen, die in Natzweiler und anderen Lagern starben.

Pahor kann mit diesem Denkmal nichts anfangen: „[U]nter den majestätischen Reihen weißer Kreuze gibt es nichts, nicht einmal eine Handvoll grauen Puders, das sich mit der Gebirgserde vermischt hätte.“ (S. 124) Er sucht einen „Miniaturfriedhof“ auf, der sich an einer Stelle befindet, an der es „neben der Senkgrube ein Loch für die Asche“ gab, für ihn „ein internationales Heiligtum der Menschen“. (S. 122, 124) Nicht nur liegt ihm das nationale Gedenken nicht. Er kritisiert vielmehr die unzureichende Entnazifizierung nach dem Krieg.

Die „Aschegrube“ in der Gedenkstätte KZ Natzweiler-Struthof, (Foto von Claude Truong-Ngoc, lizensiert unter CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Ein bloßes Erinnerungsbuch ist Nekropolis deshalb nicht, sondern vor allem durch die Verschränkung der Zeitebenen, durch die Parallelisierungen und durch die bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs gezogenen Kontinuitätslinien auch ein politisches. Es gehört nicht zur Holocaust-Literatur im engeren Sinne, insofern es sich nicht mit dem Holocaust beschäftigt. Die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden taucht am Rande auf. Nekropolis beschreibt wiederholbare Mechanismen der Entmenschlichung in der Welt der Lager bzw. Krematorien.

Der Zwergenhaftigkeit verschrieben

Seine KZ-Vergangenheit erscheint Pahor gemessen an der monströsen Art der Vernichtung, die in anderen Lagern geschah und möglich war, „unbeholfen und zwergenhaft. … Mir ist ja schon lange bewusst, dass meine Erlebnisse im Vergleich zu denen, die andere in ihren Erinnerungen beschrieben haben, eigentlich sehr bescheiden sind.“ (S. 192f.) Er nennt František Bláha, Primo Levi, David Rousset, Edith Bruck, André Ragot und Vincenzo Pappalettera. Aber die Angst, die Pahor durchlebte, erfüllte auch eine Schutzfunktion, indem sie sein Erleben dämpfte.

Mein ganzes seelisches Gefüge muss schon beim ersten Kontakt mit der Lagerwirklichkeit in einen unbeweglichen Nebel eingesunken sein, der die Geschehnisse immerzu filterte und die Wirksamkeit ihrer Ausdruckskraft minderte. Die Angst hat mein ganzes Empfindungssystem gelähmt, das ganze Netz feinster Nervenenden, aber eben diese Angst war es auch, die mich vor dem großen Übel bewahrte, das ein vollständiges Einleben in die damalige Wirklichkeit bedeutet hätte. (S. 193)

Die Frage, ob andere Überlebensberichte tiefer und unmittelbarer über die Welt der Lager sprechen, ist eine müßige. Es geht auch nicht darum, ob die Welt der Lager „unvorstellbar“ und „unaussprechlich“ ist. Für Ruth Klüger, selbst eine Überlebende und Autorin eines Erlebnisberichts, sind solche Wörter „Kitschwörter, sentimentale Flucht vor der Realität“.2Ruth Klüger, Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur, (Göttingen: Wallstein, 2012), S. 55. Für diese Art von Literatur stellt sie andere Kriterien als rein literarische auf. „Gedicht, Fiktion, Drama, Berichterstattung und was es sonst noch gibt …, [a]uch ob sie ‚schön‘ oder gräßlich ist, ist Nebensache, solange sie uns hilft, die ‚Wahrheit‘ zu verstehen, nämlich wer wir wirklich sind.“3Ruth Klüger, „Was ist wahr?“, in: Die Zeit 38 (1997).

Einen Kanon der KZ-Literatur aufzustellen, verbietet sich schon deshalb, weil die dazu notwendige Übersicht von den Zufälligkeiten der Übersetzungen abhängig ist. Von den Autoren, die Pahor nennt, gilt zwar Primo Levi als „der große Klassiker der KZ-Literatur“.4Ruth Klüger, Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur, (Göttingen: Wallstein, 2012), S. 53 Die Berichte Bláhas, Ragots und Pappaletteras sind aber noch gar nicht ins Deutsche übersetzt, die Bücher Brucks, soweit übersetzt, vergriffen, und Roussets KZ-Universum ist gerade erst 2020 – zu positiven Kritiken – auf Deutsch erschienen.

Nach dem slowenischen Original erschien von Nekropolis zunächst eine italienische Übersetzung, die ebensowenig auffiel wie eine spätere Übersetzung ins Französische. Erst als eine französische Übersetzung von Pahors Roman Kampf mit dem Frühling 1995 Aufmerksamkeit erregte, kam es zu einer Taschenbuchausgabe von Nekropolis und zu einer Übersetzung ins Englische, die Pahors Bekanntheit begründete. Die Übersetzung ins Deutsche erschien 2001, stand an der Spitze der SWR-Bestenliste und erhielt 2002 den Kritikerpreis der SWR-Bestenliste. „Seine reflektierende Erzählweise ist in einem Atem zu nennen mit den Werken von Primo Levi, Jorge Semprun und Imre Kertész,“ hieß es in der Begründung der Jury. „Der 82jährige, heute in Triest lebende Boris Pahor, ist in den USA und in Frankreich längst in seinem Rang anerkannt. Erst jetzt – und beinahe zu spät – erreicht er mit seinem 1966 geschriebenen Roman sein deutsches Publikum.“5Preis der SWR Bestenliste 2002: Boris Pahor: „Nekropolis“.

Boris Pahor, 2015 (Foto von Claude Truong-Ngoc, lizensiert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Boris Pahor ist immer noch lebendiger Zeitzeuge. Am 26. August 2021 hat er seinen 108. Geburtstag gefeiert. Im Internet finden sich Videos, wie der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella ihm den zweithöchsten italienischen Verdienstorden verleiht. Pahor hat das 20. Jahrhundert überlebt und sein Werk dem Widerstand gegen die Unfreiheit gewidmet. „Als ich mich nach dem Terror des Faschismus allmählich wiederfand, musste ich mein eigener Psychotherapeut sein. So wie ich es bei Camus fand: Trotz allem müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Es ist eine Illusion, gewiss, und es ist nicht leicht. Aber wenn man nicht Revolutionär ist, was gibt es sonst?“6Triest, das Meer und das Lager. Wiederentdeckung des slowenischen Schriftstellers Boris Pahor, in: Cicero.

Nachtrag

Am 30. Mai 2022 ist Boris Pahor gestorben.

Literatur

Boris Pahor, Nekropolis, Aus dem Slowenischen von Mirella Urdih-Merkù, Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2001.

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