Richard Wright, Black Boy / Schwarzer Hunger
Einmal zum Kommunismus und zurück
Sein Onkel Hoskins nimmt den jungen Richard bisweilen im Pferdewagen mit aus Elaine, Arkansas, nach Helena am Mississippi. Ob er mal sehen wolle, wie das Pferd mitten aus dem Mississippi trinke, fragt Onkel Hoskins eines Tages. Richard will, weil das Pferd das doch nicht könne. Und so lenkt Onkel Hoskins den Wagen geradewegs in den Strom, bis das Wasser schon über die Räder steigt. Richard bekommt es mit der Angst zu tun und will schon vom Wagen springen. Da stoppt der Onkel den Wagen, lacht und fährt zum Ufer zurück. Er sei am Mississippi geboren und kenne den wie seine Westentasche. Eine Furt aus Pflaster- und Ziegelsteinen sei unter dem Wasser. Aber Richard traut seinem Onkel nicht mehr, jetzt nicht und auch zukünftig nicht. Wie ein Gespenst erscheint er ihm, der ihm ewig fremd bleiben wird.

Hochwasser am Mississippi. Fotografie von Milton McFarland Painter, Sr. (ca. 1913),
Courtesy of the Mississippi Department of Archives and History
Der afroamerikanische Autor Richard Wright schildert diese Episode in seinem autobiographischen Buch Black Boy von 1945, auf Deutsch im Jahr 1947 veröffentlicht als Ich Negerjunge. Es ist das Jahr 1916, und Richard Wright, geboren auf einer Plantage in Mississippi, acht Jahre alt. Sein Leben ist bis zu diesem Zeitpunkt von Armut und Hunger bestimmt. Das Buch beginnt mit der Erinnerung daran, wie Richard als Vierjähriger das Haus seiner Großmutter in Brand gesteckt hat. Als der Vater die Familie verlässt, kommen der Hunger und die glühende Frömmigkeit der Mutter. In der heruntergekommenen Nachbarschaft in Memphis wird der herumstreunende Richard zum Trinker, noch bevor er in die Schule geht. Als die Mutter erkrankt, fehlt es an Geld für die Miete und für Essen. Richard muss eine Zeitlang ins Waisenhaus.
Tatsächlich ist die Zeit, die er bei seiner Tante Maggie und Onkel Hoskins verbringt, die glücklichste im Leben des jungen Richard Wright: Onkel Hoskins besitzt einen Saloon und es gibt überreichlich zu essen. Aber ein Schwarzer, der im Mississippi-Delta einen Saloon besitzt? Ein weißer Mann erschießt Onkel Hoskins, ein Wetterzeichen für eines der schlimmsten Massaker jener Jahre, das Weiße 1919 in Elaine an über 300 Schwarzen, die sich gewerkschaftlich gegen Ausbeutung wehren wollen, verüben werden. Die ganze Familie Wright flieht Hals über Kopf.
Wir aber hatten uns zu Boden geworfen, um nicht das weißglühende Gesicht des weißen Terrors zu sehen, von dem wir wußten, daß er über uns schwebte. Nun hatte ich ihn kennengelernt; so nah war er mir auf die Haut gerückt, daß sich mein ganzes Denken um nichts anderes drehte. „Warum haben wir uns nicht gewehrt?“ fragte ich die Mutter und erhielt einen Schlag auf den Mund, Die Furcht, die in ihr steckte, hatte ihr die Hand geführt. (S. 69)
Das ist nicht die Sprache eines achtjährigen Jungen, sondern die eines reflektierten Beobachters, der auf sein bisheriges Leben zurückblickt und politische Vorstellungen davon hat, wo er herkommt und was aus ihm werden wird. Das Buch beschreibt nicht nur, sondern analysiert, geschult an literarischen, psychologischen und soziologischen Werken zugleich. Eine Autobiographie sei die Geschichte des eigenen Lebens, meinte Wright, aber wenn man wolle, könne man mehr daraus machen. Er habe vor allem sein Urteil mitteilen wollen, dass die Lebensumstände, die der Süden erschaffe, zu eng seien, um Menschen zu nähren, am wenigsten schwarze Menschen. Manche möchten das Glück haben, ihrer Lage zu entkommen und zu wachsen. Wright aber war der Auffassung, das sollte planmäßig möglich sein und nicht als moralische Frage begriffen werden, wie ein guter Weißer einem armen Schwarzen helfen könne. Er habe den schwarzen Kindern des amerikanischen Südens seine Stimme leihen wollen.1PM, How Richard Wright Looks at Black Boy, in: Kenneth Kinnamon u. Michel Fabre (Hg.), Conversations with Richard Wright, Jackson 1993, S. 64f.
Aus den Südstaaten nach Chicago
Wright reiht im Rahmen seiner Lebenserzählung illustrative Episoden aneinander. Schwarze, so lernt der junge Wright, haben sich „vor den Weißen zu hüten, auf jede ihrer Bewegungen, jeden flüchtigen Ausdruck aufzupassen und aus allem, was sie sagten und nicht sagten“, ihre Schlussfolgerungen zu ziehen. Polizeikontrollen, so ist sein Gefühl, können in jedem Moment mit einer Kugel enden.
Wrights politische Vorstellungen sind marxistische. Die Religiosität seiner Großmutter, einer überzeugten Anhängerin der Siebenten-Tags-Adventisten, die apokalyptischen Visionen und Bildungsferne, sprechen ihn nicht an; die erzwungene Frömmigkeit fühlt sich wie Strafe an. Im Süden hat er keine Möglichkeit, etwas zu werden. Schwarze haben keinen Anspruch auf Bildung, noch weniger haben sie Ansprüche zu erheben. Sie können sich von den Weißen treten lassen oder sich für ein weißes Publikum gegenseitig in Boxkämpfen verprügeln. Darunter existiert das Gefühl ständiger Bedrohung.
Angst, Rassismus, Anpassung, Gewalt, Religion, Unterdrückung der Schwarzen in den amerikanischen Südstaaten der Jim-Crow-Ära und Migration als Flucht, das sind die Themen des Buches. Die Familie zieht 1914 nach Memphis, Tennessee. Verlassen vom Vater und unterstützt von Verwandten geht es weiter zur Tante nach Arkansas und bis zum Schulabschluss 1925 zur Großmutter nach Jackson, Mississippi. 1927 schließlich migriert Wright, wie so viele Afroamerikaner vor und nach ihm, in die Nordstaaten, nach Chicago.
Wright nimmt wenig Rücksichten. Er beschreibt den eigenen und den unter den Schwarzen allgemein verbreiteten Antisemitismus sowie die gegenseitige Ausbeutung. Er selbst haut Schwarze als Versicherungsagent übers Ohr und beutet die materielle Not von Frauen sexuell aus.
Zugleich ist Black Boy ein Bildungsroman, ein Porträt des Künstlers als junger Mann, denn das nötige Selbstvertrauen, um zu glauben, dass ihm höhere Möglichkeiten offen stünden, bezieht Wright aus der Welt der Bücher: Theodore Dreiser, Edgar Lee Masters, H. L. Mencken, Sherwood Anderson, Sinclair Lewis. Und er berichtet, wie er selbst zu schreiben beginnt.
In Chicago schließt sich Wright in den 1930er Jahren den Kommunisten an. Er arbeitet in verschiedenen Jobs, im Postamt, als Pfleger einer Tierversuchsstation und Straßenkehrer und lebt zeitweise von Fürsorge. Aber er beginnt auch, sich als Autor zu etablieren. Parteimitglied wird er 1933, und er schreibt, als revolutionärer Dichter, für verschiedene linke Publikationen wie The New Masses. Sein erster Roman wird 1935 fertig, bleibt aber zu Lebzeiten unveröffentlicht.
Mit Kurzgeschichten über Lynchmorde in den Südstaaten erregte Wright 1938 Aufsehen und schaffte 1940 mit seinem Roman Native Son den Durchbruch. Native Son wurde vom Book of the Month Club ausgewählt, der schon Margaret Mitchells Vom Winde Verweht groß herausgebracht hatte. Binnen drei Wochen verkauften sich 250.000 Exemplare. Orson Welles adaptierte das Buch für den Broadway. Wright war der wichtigste afroamerikanische Autor der 1940er Jahre.
Seine Chicagoer Zeit ist das Thema von Schwarzer Hunger (American Hunger), vor allem sein Verhältnis zur Kommunistischen Partei. Schwarzer Hunger endet nach der Erster-Mai-Demonstration 1936, bevor Wright nach New York City zieht, um in Harlem die Zeitung Daily Worker herauszugeben. Hier begann seine eigentliche Karriere als Schriftsteller. Hier lernte er Langston Hughes und Ralph Ellison kennen und publizierte Kurzgeschichten, Gedichte und Essays.

Richard Wright in seinem Arbeitszimmer (Mai 1943)
Library of Congress, Prints & Photographs Division, FSA/OWI Collection, LC-USW3-030278-D (b&w film neg.)
Im August 1944 erschien im Atlantic Monthly Wrights Text „I tried to be a Communist”, in welchem er kritisch und sich distanzierend über seine Chicagoer Erlebnisse mit den Kommunisten berichtete. Es sollte der Vorabdruck eines Teils seiner angekündigten Autobiographie sein, die er „American Hunger“ nennen wollte. Unter den Kommunisten fühlt sich Wright „so total isoliert“, wie er „es selbst in dem vom Hass besessenen Süden nicht erlebt hatte“. Aber als belesener Afroamerikaner ist er auch durch Sprache und Bildung von proletarischen Afroamerikanern distanziert, auch wenn er selbst noch von der Fürsorge lebt oder als Straßenkehrer arbeitet.
Wright fasst die Stimmung in dem zugereisten Genossen Young zusammen, der aus heiterem Himmel einen anderen Künstlergenossen, der Proust-Bewunderer Wright nennt ihn Swann, des Trotzkismus beschuldigt, und sich als entlaufener, paranoider Insasse einer psychiatrischen Anstalt entpuppt. Wrights Plädoyer dafür, dass kommunistisch gesinnte Schriftsteller schöpferisch tätig sein und nicht nur Flugschriften für den Gebrauch der Gewerkschaften schreiben sollten, lässt die Verdächtigungen, die in der Partei gegen ihn erhoben werden, fördert nur die Überzeugung, er sei ein gefährlicher Feind der Partei.
Ich hatte ein Drittel meines Lebens damit verbracht, von meinem Geburtsort in den Norden zu kommen, nur um frei reden zu können, der drückenden Angst zu entrinnen. Und jetzt stand ich hier wieder vor dem Gespenst der Angst, ohne allerdings vorläufig zu ahnen, daß ich bereits ein Feuer schürte, das bald ebenso verheerend über mich hereinbrechen würde wie jene Gewalttätigkeiten in Mississippi, als ich dort einfältig genug gemeint hatte, eine Ausbildung als Optiker stünde mir offen. (S. 120)
Zwischen Anpassung und Erfolg
Auf Bitten des Book of the Month Club erschien das Buch Black Boy im März 1945 ohne den Teil über Wrights Chicagoer Jahre. Für Dorothy Canfield Fischer vom Auswahlkomitee war dieser Teil zu kritisch und zu pessimistisch. Die Liberalen, die sich für die Belange der Schwarzen einsetzten, könnten sich angesichts Wrights Darstellung des Rassismus in den Nordstaaten vor den Kopf gestoßen fühlen. Wright indes glaubte nicht, dass sich an der Behandlung der Schwarzen etwas ändern würde, solange die Weißen nicht den „American Way of Life“ als Grundproblem erkennen würden.
Mit Kürzungen kannte Wright sich aus. Bereits bei Native Son wurden ihm Kürzungen nahe gelegt, die vor allem seine Darstellung von Sexualität betrafen. Wie er zu diesen Kürzungen stand, ist nicht überliefert, aber sie veränderten den Ton und die Balance des Romans und seiner Figuren. Den Kürzungen von Black Boy widersetzte er sich, wenngleich mit geringem Erfolg. Ein zweiter Roman, The Man Who Lived Underground, der von brutaler Polizeigewalt gegenüber einem Schwarzen handelte, blieb unveröffentlicht und erschien erst im April 2021. American Hunger zumindest wurde 1977 veröffentlicht und 1991 sowohl die ungekürzte Fassung von Native Son als auch die ganze Autobiographie in ihrer ursprünglich geplanten, zweibändigen Fassung. Die Publikationen zu Wrights Lebzeiten spiegeln deshalb nicht seine ursprünglichen Intentionen. Sie spiegeln aber die kulturellen Erwartungen an seine veröffentlichten Texte wider, die nicht zuletzt an ein weißes Lesepublikum adressiert waren und heikle Rassenfragen tangierten.
Eine deutsche Übersetzung von Black Boy durch Rudolf Frank (1886–1979) als H. Rosbaud erschien 1947 im Zürcher Steinberg Verlag unter dem Titel Ich, Negerjunge. Geschichte einer Kindheit und Jugend. Der Übersetzer Frank, selbst Schriftsteller und seit 1938 im Schweizer Exil lebend, übersetzte eine Reihe sozialkritischer amerikanischer Autoren wie Thomas Wolfe, John Steinbeck und Sinclair Lewis, obwohl er selbst kein Englisch sprach. Er übersetzte wie aus einer toten Sprache und eher frei, worin zeitgenössische Rezensenten aber eine Stärke sahen. Eine Neuübersetzung besorgte Kurt H. Hansen für Kiepenheuer & Witsch 1978 unter dem Titel Black Boy. Hansen übersetzte 1980 auch American Hunger als Schwarzer Hunger.
Wie Native Son war auch Black Boy ein unmittelbarer Erfolg. 500.000 Exemplare verkauften sich bis Mai 1945 und 325.000 weitere über den Buchclub. In zehn Sprachen übersetzt gehört das Buch zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Mit seinem Erfolg war Wright zur wichtigen Figur der Black Chicago Renaissance geworden. Er machte das schwarze Chicago auf der literarischen Landkarte sichtbar. In seinem Essay „Blueprint for Negro Writing“ (1937) hatte er eine Literatur gefordert, die sich auf die Erfahrungen der Masse der schwarzen Bevölkerung stützen sollte, und nicht, wie es der einflussreiche afroamerikanische Intellektuelle W.E.B. Du Bois beschrieben hatte, auf das talentierte Zehntel der Afroamerikaner. Wright war einer der ersten afroamerikanischen Schriftsteller, welche die Rassenfrage in den USA konsequent auf die Gesellschaftsordnung zurückführten und mit Kritik an den eigenen Leuten nicht sparten. Ralph Ellison, Chester Himes und James Baldwin haben ihm einerseits viel zu verdanken, während sie sich andererseits mit ihm überwarfen.
Baldwin erinnerte sich in einem Nachruf, er sei zu Wright „gepilgert“, weil er ihn für den „größte[n] Negerschriftsteller der Welt“ hielt. Vor allem in Black Boy fand er „zum erstenmal in meinem Leben die Not, die Wut und die tödliche Bitterkeit zum Ausdruck gebracht, von denen mein Leben und das Leben der Menschen um mich herum verzehrt wurde“.2James Baldwin, Ach, armer Richard, in: Ders., Schwarz und Weiß oder Was es heißt, ein Amerikaner zu sein, Reinbek 1963, S. 96. Andererseits hatte Baldwin 1949 in einem Essay Everybody’s Protest Novel Bigger Thomas, den Helden von Wrights Roman Native Son, als Nachfahren von Onkel Tom, den Inbegriff des servilen und passiven Schwarzen, charakterisiert. „[D]er zeitgenössische Negerschriftsteller und die tote Frau aus New England hielten sich in einem zeitlosen Kampf auf Leben und Tod umklammert; die eine stößt erbarmungslose Ermahnungen aus, der andere Flüche“.3James Baldwin, Jedermanns Protest-Roman, in: Ders., Schwarz und Weiß oder Was es heißt, ein Amerikaner zu sein, Reinbek 1963, S. 82f. Richard Wright war höchst erbost über Baldwins Essay, und ob Baldwin, was er später glauben machen wollte, wirklich nicht ahnte, wie verletzt Wright sich von einer Verknüpfung mit Harriet Beecher Stowe fühlen würde, erscheint fragwürdig.
Wright schrieb selbst gegen das Stereotyp des unverwüstlichen, vitalen Schwarzen an. Als er, wie er gegen Ende von Schwarzer Hunger erzählt, Öffentlichkeitsarbeit für ein afroamerikanisches Theater macht, sieht er die Gelegenheit, progressives Theater zu machen, erlebt aber eine Überraschung:
Ich hatte geglaubt, daß die Negerschauspieler darauf brannten, sich ernsthaft auf dem amerikanischen Theater zu artikulieren, daß sie sich schämten, weiter die stereotypen Clowns, Mammies, Scherenschleifer und Würfelspieler mit Wassermelonen in Baumwollfeldern zu spielen … Und jetzt protestieren sie gegen dramatischen Realismus! (S. 149)
Aber wo Wright einst gefordert hatte, afroamerikanische Schriftsteller sollten sich nicht dem Urteil der amerikanischen Meinung unterwerfen, sondern eine neue, unabhängige Literatur schaffen, lieferte er sich und sein Werk selbst den Zwängen eines weiß dominierten Buchmarktes aus.
Die Kritiken von Black Boy waren positiv, wenn auch nicht durchweg. Theodore Gilman Bilbo, Senator für den Bundesstaate Mississippi, ließ es sich nicht nehmen, das Buch im U.S. Senat öffentlich als große Verleumdung des Südens zu verdammen. Von einem Neger könne man allerdings nichts anderes erwarten.
Auch der ernstzunehmenden Literaturkritik schien die Frage wichtig, wie real, wie typisch Wrights Darstellung sei. W.E.B. Du Bois kritisierte, dass Wright alles in allem überzeichne. Er fand Wrights Charakterisierungen zu negativ, klischeehaft bisweilen und auf den narzisstischen Protagonisten fixiert. Er fürchtete, Wrights negative Darstellung schwarzer Kultur in den Südstaaten würde weiße Rassisten bestärken. Andere afroamerikanische Kritiker stimmten zu, dass die positiven Seiten afroamerikanischen Lebens vernachlässigt seien.
Hinzu kommt, dass Wrights Autobiographie auch fiktionale Elemente enthält. Tatsächlich steht etwa die Episode um die Fahrt in den Mississippi mit seinem Onkel Hoskins in Frage. In ihrer Biographie hat Constance Webb, zugleich eine enge Freundin Wrights, diese Geschichte auf eine Erzählung Ralph Ellisons zurückgeführt. Dabei ist die Episode symbolisch aufgeladen. Ähnlich wie in William Faulkners Roman Als ich im Sterben lag (1930) steht neben dem Leitmotiv des Feuers das Wasser sowohl für unbeherrschbares Chaos als auch für die biblische Sündflut. Wright hat sich immer wieder auf das Motiv der Flut bezogen und das historische Hochwasser des Mississippi von 1927 in den Erzählungen Down by the Riverside (1938) und The Man Who Saw the Flood (1937) verarbeitet.
Zwischen Hoffnung und Erkenntnis
Nicht zuletzt durch die durch die Kürzung um den zweiten Teil war Black Boy eigentlich positiv gestimmt. Mehr noch, Wright schrieb einen neuen Schlussteil von fünf Seiten, der gleichsam ein Resümee zog und seiner Flucht aus dem Süden mit einer Hoffnung versah. In der Tradition der „Slave narratives“ erzählte das Buch ja eigentlich eine Geschichte des Fortkommens. Statt dass Black Boy wie geplant damit endete, dass Wright lakonisch schließt: „Dies war die Kultur, der ich entstammte, dies der Terror, vor dem ich floh“, ist der Protagonist in der schließlich veröffentlichten Fassung zwar mit inneren wie äußeren Wunden bedeckt, fährt aber letztlich aus dem dunklen Süden dem Norden zu mit der Ahnung, „das Leben könne in Würde gelebt werden, und keiner brauche die Persönlichkeit seiner Mitmenschen anzutasten. Ohne Furcht und Scham kann der Mensch dem Menschen gegenübertreten, und wenn wir in unserm Dasein auf Erden glücklich sind, finden wir wohl einen erlösenden Sinn für unsere Kämpfe und Mühen und Leiden hier unter den Sternen.“ (S. 331)

Luftaufnahme von Chicago, South (1925)
Newberry Library, Percy H. Sloan photographs, Print No. 3026
Schwarzer Hunger hingegen setzt dagegen das Erleben von Chicago:
Chicago, als ich diese sich flach hinziehende, schwarze Stadt zum erstenmal sah, war für mich eine große, deprimierende Enttäuschung; diese Stadt entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von ihr. Unwirklich erschien sie mir mit ihren fast schon legendären, wie aus Kohle gebauten und von grauen Rauchschwaden umschwelten Gebäuden, deren Grundmauern langsam in der dumpfigen Prärie versanken. In Abständen stieg Dampf, von der Wintersonne durchschimmert, am gelassenen Horizont auf. der Lärm der Stadt drang in mich, ohne daß ich in den kommenden Jahren je davor Ruhe fand. (S. 7)
Zusammen gelesen ergeben Black Boy und Schwarzer Hunger alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Wright zieht in Schwarzer Hunger, das sein Leben bis 1936, also die Jahre vor seinem literarischen Durchbruch 1938 beschreibt, ein düsteres Resümee seiner Erfahrungen in Chicago:
Was hatte mir das Leben in der Stadt gebracht? Und das Leben im Süden, das Leben in Amerika, was hatte es mir gebracht? Ich ging auf und ab, wußte, daß Worte alles waren, was ich besaß, und daneben die vage Erkenntnis, daß mein Land mir nicht beigebracht hatte, wie ein menschenwürdiges Dasein zu leben sei. Mein Leben lang hatte ich gehungert, gehungert nach einer neuen, einer anderen Art zu leben … (S. 173)
Der homme de lettres setzte seine Hoffnungen auf Frankreich. Wright meinte nicht nur, dort frei von rassistischer Diskriminierung leben zu können, sondern schätzte die französische Literatur. Er glaubte, dass die verehrte Gertrude Stein gerade in Paris ihre literarische Stimme gefunden habe. 1946 zog auch er nach Paris und sollte nicht mehr in die USA zurückkehren.
In seinem selbst gewählten Exil veröffentlichte Wright noch drei Romane und diverse Kurzgeschichten. Manches, wie sein Essay I choose Exile oder sein Romanmanuskript Island of Hallucination, blieben unveröffentlicht. In The Color Curtain (1956) berichtete er über seine Erlebnisse auf der pan-asiatisch-afrikanischen Konferenz von Bandung in Indonesien 1955. Vier Jahre später plante er eine Übersiedlung nach London, erlitt aber Anfälle seiner chronischen Amöbenruhr, die er sich vermutlich bei einer Afrikareise zugezogen hatte. Während er sich in einer Pariser Klinik erholte, starb Richard Wright am 28. November 1960 überraschend an einem Herzanfall. Zu diesem Zeitpunkt hatte sein literarischer Ruhm gelitten, aber spätestens seit den späten 1960er-Jahren ist er als Klassiker der amerikanischen und insbesondere auch der afroamerikanischen Literatur anerkannt.
Literatur
- Richard Wright, Ich Negerjunge. Geschichte einer Kindheit und Jugend, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg, 1958.
- Richard Wright, Schwarzer Hunger, München: dtv, 1983.
Beitragsbild
- „Negro boy in empty lot which is his playground, Chicago, Illinois“, April 1941. Foto von Edwin Rosskam. (Library of Congress, Prints & Photographs Division, U.S. Farm Security Administration/Office of War, LC-DIG-fsa-8a15897.)