Edith Bruck, Wer dich so liebt…
Eine Kindheit im Schatten des Holocaust
Edith Bruck überlebte als Kind den Holocaust. Sie hat nie aufgehört, davon zu erzählen. In ihrem ersten Buch „Chi ti ama cosi“ (1959) erzählt sie von ihrer Kindheit in Ungarn, ihrer Deportation nach Auschwitz und ihrem Leben danach. Obwohl sie eine der wichtigsten weiblichen Stimmen der Holocaustliteratur ist, 2021 für ihr Erinnerungsbuch „Il pane perduto“ den Premio Strega Giovani erhielt und damit außerdem zu den fünf Finalisten des Premio Strega gehörte, liegt auf Deutsch nur dieses erste Werk unter dem Titel Wer dich so liebt… vor. Es ist eine lapidare Bestandsaufnahme des Überlebens einer Kindheit in Auschwitz und in dessen Schatten.
Dokumentation von Ivan Andreoli und Fausto Ciuffi , 2012 (in italienischer Sprache)
Die italienisch schreibende Schriftstellerin Edith Bruck ist hierzulande kaum bekannt. Ihr Erstlingswerk Chi ti ama cosi (1959) wurde 1961 unter dem Titel Wer dich so liebt… übersetzt. Zum Themenschwerpunkt Italien der Frankfurter Buchmesse besorgte der Wagenbach Verlag 1999 noch eine Neuauflage, doch blieb dies das einzige Werk Brucks, das auf Deutsch vorliegt. Der Film Wir fahren in die Stadt (1966), inszeniert nach einer ihrer Erzählungen von ihrem Ehemann Nelo Risi, lief vor Jahren (2010 und 2017) mal im Nachtprogramm des MDR – die italienisch-jugoslawische Koproduktion war 1967 in die DDR-Kinos gekommen. Literaturwissenschaftliche Arbeiten zu ihrem Werk lassen sich an einer Hand abzählen.
In Italien ist das anders. Mehr als 20 Prosabücher und Gedichtbände hat Edith Bruck dort vorgelegt. Ihr Text Lettera alla madre wurde 1989 mit dem Rapallo-Preis ausgezeichnet, ihr Roman Quante stelle c’è nel cielo erhielt den Viareggio Preis, ihre Kurzgeschichtensammlung Due Stanze Vuote (1974) war für den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Strega, nominiert. Der Film Anita B. (2014), inszeniert mit internationaler Besetzung, basiert auf einem ihrer autobiographischen Bücher. Zuletzt wurde sie im Februar 2021 in ihrer römischen Wohnung von Papst Franziskus besucht, der sie gerne kennen lernen wollte.
Interview von 2021 mit englischen Untertiteln
Ein Dorf in Ungarn
In ihrem literarischen Werk setzt sich Edith Bruck mit den Auswirkungen des Holocaust auf ihr Leben auseinander. Geboren 1932 als Edith Steinschreiber in dem kleinen Ort Tiszakarád in Ungarn wurden sie und ihre Familie 1944 in das KZ Auschwitz deportiert. Sie überlebte auch noch die Konzentrationslager Dachau, Christianstadt und Bergen-Belsen, bis sie schließlich befreit wurde. Wer dich so liebt… schildert diese Leidensgeschichte, aber auch ihr Leben nach den Lagern, das sie über Ungarn, die Tschechoslowakei und Israel schließlich nach Italien führte.
In knappen Bildern skizziert Bruck das Panorama einer Dorfgemeinschaft in einem entlegenen Flecken zwischen Ukraine und Slowakei am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die Familie Steinschreiber ist arm und eine von wenigen jüdischen Familien im Dorf. Die meisten anderen Dorfbewohner sind protestantische Bauern. Die bessergestellte Gesellschaft besteht aus Angestellten des Einwohneramtes, dem Arzt und dem Apotheker, den Lehrern und Pastoren. Die Ärmsten sind die Zigeuner am Waldrand, denen die Steinschreibers noch Lumpen und etwas zu essen schenken. Langsam zieht der Faschismus ein. Ende des Frühlings im Jahr 1941 hört Edith zum ersten Mal, wie der Lehrer den Arzt mit einem „Heil Hitler“ grüßt.

Ediths Vater, Metzger und Kaufmann von Beruf, ist oft auf Reisen und nicht wirklich religiös. Die Mutter sieht viel älter aus als ihre 39 Lebensjahre, trägt das Kopftuch der gläubigen Juden, betet oft. Edith hat fünf Geschwister, von denen drei schon in Budapest leben. Budapest ist die ferne, unbekannte Welt, in welche die Steinschreiber-Kinder ziehen, um ein Handwerk lernen zu können, und weil sie im Dorf keine Zukunft haben. Quasi symbolisch baut sich die Familie 1941 noch ein neues Haus, eines mit einem Ziegeldach, in das es nicht mehr hereinregnen soll. Es sieht aus wie bei den Reichen, meint Edith, auch wenn das Dach nicht vollkommen sei.
Zugleich werden die Zeichen unübersehbar, das Leben immer drückender, und der Vater sagt bereits 1942, dass alles keinen Wert mehr habe, weil es zerstört werden würde. Bald dürfen Juden nach fünf Uhr nachmittags nicht mehr auf die Straße, der Arzt verweigert eine Behandlung, Mitschüler lassen ihren Judenhass spüren. Eine Lehrerin versucht Edith zu erklären, nicht alle Menschen seien so. Aber auch wenn Edith an nichts mehr denken und fröhlich sein will, bedrängt sie im Innern die Angst.

Als Ostern 1944 Deutsche ins Dorf kommen, weiß die Mutter schon von den Leiden der deportierten polnischen und slowakischen Juden zu berichten und von einem Traum, in welchem sie sah, wie man Menschen verbrannte. Nach einem Abend in Liebe, Frieden und Schweigen beginnt am nächsten Morgen die Deportation mit lauten Schlägen an der Tür und Rufen. All dies wird nicht nur aus der Perspektive eines Kindes erzählt, sondern auch in einer zwar einfachen Sprache, aber in ökonomischer Verdichtung berichtet. Die sparsam und effektiv gesetzten Metaphern zeichnen die Schrecken des Holocaust voraus. In dem Moment, in welchem die Familie vor ihr Haus tritt, hält die Ich-Erzählerin inne:
Ich blieb einen Augenblick stehen, um unser Haus zu betrachten, die Bäume, den Garten, und alles schien seit langem tot. Die Trauerweide unter dem Fenster beugte sich bis zur Erde nieder, und ihre Zweige waren Menschen, die man aufgehängt hatte, und ebenso viele tote Arme, die herunter hingen. Das Dorf war dunkel und die Häuser geschlossen; ich grüßte sie zärtlich. Wir gingen uns an den Händen haltend und wie ohne Leben. (S. 25)
Die spartanische, bisweilen monoton einfache Erzählweise folgt ästhetischen Prämissen. In seinem Vorwort zur englischen Ausgabe konstatiert Nelo Risi, dass die Holocaust-Literatur einem gefrorenen, verlassenen Moor ähnele, wo Bilder wie im Delirium vorbeiflögen und Stil nicht den geringsten Halt finde. Den Schreibprozess seiner Frau Edith vergleicht er mit der Ernsthaftigkeit eines Kindes, das sein Thema aus einem alten Notizbuch ins Reine schreibe. Hunderte Seiten habe Edith geschrieben, mitunter konfus und hastig, aber mit zurückgenommener Emotion und klassisch anmutenden Formulierungen. Er vergleicht ihren Stil mit mündlicher Überlieferung, aber auch mit Tacitus. Edith habe sich eine neue Sprache erfinden müssen, als sie in Italienisch, einer für sie fremden Sprache, schrieb.
Edith Bruck selbst gibt an, Ende 1945 mit dem Schreiben ihrer autobiographischen Erzählung begonnen zu haben, aber auf der Flucht ihr Heft verloren zu haben. Mehrmals habe sie versucht, das Ganze neu zu schreiben, aber es erst in Rom in einer fremden Sprache zu Ende führen können. Das Schreiben auf Italienisch habe emotionale Bremsen gelöst, die in der Muttersprache das Ansprechen bestimmter Dinge verhindert hätten. Das Manuskript wurde mehrfach überarbeitet und neu geschrieben. Mindestens ein Drittel Text des ersten Entwurfes hätten sie gekürzt, berichtet Risi.
Kindheit im Holocaust
Handelt es sich um ein Buch, das den Holocaust aus der Perspektive eines Kindes vermittelt? Als herausragendes Beispiel einer solchen Literatur gilt der Roman eines Schicksallosen (1975; dt. 1994) des Ungarn Imre Kertész. Auch Kertész, nur wenige Jahre älter als Bruck, wurde 1944 in das KZ Auschwitz deportiert. Auch Kertész erzählt chronologisch, aber detaillierter, stilistisch ausgefeilter und zugleich bewusst naiver. Das ermöglicht ihm beispielsweise, die Perspektive des Arztes bei der Selektion an der Rampe von Auschwitz einzunehmen: „Und so, mit den Augen des Arztes, konnte ich nicht umhin festzustellen, wie viele von ihnen alt oder sonstwie unbrauchbar waren.“1Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, Berlin 1996, S. 100. Ein Kind versteht noch nicht, was um es herum passiert. Seine Perspektive ermöglicht solche Perspektivwechsel. Edith Bruck verweigert sich aber dieser Perspektive in dem Moment, in welchem sie unmittelbar vor der Verbringung ins Ghetto von Satoraljaujhely mit den anderen jüdischen Dorfbewohnern in der Synagoge eingesperrt ist, auch wenn sie die Situationen nicht immer versteht.
Ich schaute mich um und nahm die Welt wahr, in der ich lebte und ich betrachtete das, was geschah, nicht mehr wie ein Kind. (S. 26)
Nach fünf Wochen im Ghetto werden die Steinschreibers im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert.
Die Maisonne war warm; ich betrachtete die Blumen in den Gärten und die Kinder, die auf den Fahrrädern an uns vorbeifuhren und uns die Zunge herausstreckten. Wie schön dachte ich, daß ich noch lebe und die Welt sehen kann, wie sie wirklich ist, und daß ich nie mehr Menschen so sehen werde. (S. 28f.)

Die Erzählung bleibt knapp. In nur wenigen Szenen skizziert Edith Bruck, wie sie in Auschwitz durch einen Soldaten gewaltsam von ihrer Mutter getrennt und damit vor der Vergasung bewahrt wird. Sie berichtet von dem Moment der Erkenntnis, als ihre Blockälteste ihr das Schicksal ihrer Mutter im Krematorium erklärt, merkt lakonisch an, dass sie zweimal aus dem Block 8 geflohen sei, in den die jüngeren Mädchen geschickt wurden und von dem es hieß, dass man von dort ins Krematorium gebracht würde. Nach drei Monaten kommen Edith und ihre Schwester Eliz in das Lager Kaufering, wo sie im Straßenbau arbeiten, dann folgen Erdarbeiten in Landsberg mit der Organisation Todt und schließlich die Verbringung nach Dachau. Hier arbeitet Edith auf einem benachbarten Schloss. Nach einigen Monaten werden sie nach Christianstadt verbracht. In Landsberg ist es ein Soldat, auf dem Schloss ein Koch, der Edith Essen zukommen lässt.
Ästhetisierung des Holocaust?
Umso gedrängter Bruck ihre Inhaftierung in den deutschen Konzentrationslagern beschreibt, umso wichtiger sind die einzelnen Episoden. Das sind einerseits Gesten der Menschlichkeit gegenüber den Verfolgten, andererseits Schilderungen des Schreckens. Eine Szene etwa ereignet sich in Dachau, als eine Freundin unter den männlichen Gefangenen jenseits des Stacheldrahts ihren Vater zu erkennen meint.
Sie schrie: „Ich bin Eva, Deine Tochter! Papa, Papa!“ Drüben löste sich ein Mann von der Gruppe, schleppte sich an die Drahtbarriere, begann etwas zu stammeln und breitete die Arme aus. Sie ging auf ihn zu, sicheren Schrittes mit ihren langen, mageren Beinen; wir standen alle vor dem Bunker und starrten auf diese beiden Geschöpfe, die schon weit von uns, von den Deutschen entfernt waren und die ruhig dem Tod entgegengingen. Nur der elektrisch geladene Stacheldraht trennte sie voneinander. Sie streckte eine Hand zwischen den Stacheln hindurch, ergriff die Hand des Vaters, sie sprachen Worte zueinander, die wir nicht hören konnten. Barfuß standen wir versteinert im Schnee.
Eva versucht, ihren Vater durch den Stacheldraht hindurch zu umarmen und heult: „Mein Vater, verlaß mich nicht!“ und wirft sich in dem Moment in den Stacheldraht, in dem vom Wachturm geschossen wird. „Aus Evas Rücken sahen wir Blut heraustreten. das über ihr Gewand floß und sich mit dem Rot des Kreuzes vermischte, das wir auf dem Rücken trugen.“ (S. 42)
Die religiöse Metaphorik ist augenfällig und wirft die Frage auf, inwieweit eine Ästhetisierung des Holocaust statthaft ist. Diese Frage hat im Falle Edith Brucks und der beschriebenen Szene noch eine Wendung. Kurz nach der Veröffentlichung von Chi ti ama cosi war Bruck 1959 als Beraterin für den Film Kapo (1960) tätig, für sie keine erfreuliche Erfahrung, nicht nur, weil bei ihr durch das als Kulisse nachgebaute Konzentrationslager Erinnerungen heraufbeschworen wurden, sondern auch weil Regisseur Gillo Pontecorvo sich zum „Lagerkommandanten“ erklärte und Bruck aufforderte, den Schauspielern zu demonstrieren, wie das denn gewesen sei mit dem Hunger und der Zwangsarbeit. Ihre Erfahrungen am Filmset sollte Bruck später in dem Roman Transit (1978) verarbeiten. Der Film Kapo ist keine Verfilmung von Brucks Buch Chi ti ama cosi, auch wenn Pontecorvo von ihr Szenen geschrieben haben wollte, die er eventuell verwenden könnte.
Wenn man heute noch von dem Film Kapo spricht, dann vor allem wegen einer Einstellung, die besondere Kritik erfahren und dadurch ein eigenes Nachleben entwickelt hat. Die von Emanuelle Riva verkörperte Therese, ein Funktionshäftling des Lagers, nimmt sich das Leben, indem sie sich in den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun des Lagers wirft. Der französische Regisseur und Kritiker Jacques Rivette nahm Anstoß an der Kamerafahrt, die Theresa bis in den Zaun folgt. „[D]er Mensch,“ meinte Rivette, „der sich in diesem Augenblick zu einer Kamerafahrt vorwärts entschließt, um den Leichnam in Untersicht zu rekadrieren, wobei er es sich angelegen sein lässt, die erhobene Hand in einem bestimmten Winkel seiner endgültigen Kadrage zu fixieren, für diesen Menschen kann man nur die tiefste Verachtung empfinden.“2Jacques Rivette, „Über die Niedertracht,“ in: Ders., Schriften fürs Kino. Revue CICIM, Nr. 24/25. München, Januar 1989. S. 147–152, hier S. 148 f.
Rivettes Kritik wirkte auf den Filmkritiker Serge Daney wie ein Erweckungserlebnis, sodass er den Film selbst nie anschauen mochte. In einem autobiographischen Essay meinte Daney, es sei sein Dogma geworden, dass bestimmte Formen beim Filmemachen nicht zulässig seien. Die Kameraeinstellung in Kapo sei ästhetisch, aber falsch, weil die erzählte Geschichte in einem Konzentrationslager spiele, einem Ort, an den Ästhetik nicht hingehöre.3Serge Daney, „Das Travelling in Kapo“ (1992), in: Ders., Im Verborgenen. Kino, Reisen, Kritik, Wien 2001, S. 15-37. Kamerafahrten sind für Rivette und Daney auch Fragen der Moral, und ästhetische Entscheidungen haben eine politische Dimension.
Diese Fragen spielten in der Diskussion um Filme wie Schindlers Liste oder Das Leben ist schön ebenso eine Rolle wie noch bei Twelve Years a Slave. In der Literatur gilt gerade auch für Memoiren und Erinnerungen von Opfern, dass ihre Texte Interpretationen der Ereignisse darstellen, diese mit Bedeutungen unterlegen und letztlich nicht reproduzieren, sondern rekonstruieren. Ästhetisierung ist daher nicht notwendig problematisch, sondern ein Mittel, um Erinnerung ausdrücken und das Unbegreifliche begreifbar zu machen.
Ein Reisebericht
Wer dich so liebt… ist ein Reisebericht, der Bericht einer Reise in die Hölle, einer Reise in das Erwachsenenleben, einer Reise in den Tod und schließlich auch einer Reise ins Überleben. Fünf Wochen lang marschieren die Häftlinge durch das zunehmend zerbombte Deutschland. Essen wird zur Frage des Überlebens, Hunger zur Quelle des Egoismus. In einem Stall, in dem die Gruppe lagert, gelingt es Edith, Viehfutter aus einem Lagerraum zu stehlen. Sie entgeht knapp der Entdeckung durch einen Wächter. Die gefundenen Rüben und Kartoffeln werden den Schwestern von ihren Mitgefangenen weggenommen. Das Erlebte gibt Edith das Gefühl von Kraft, das aber nur ein Gefühl ist.
Ich verspürte eine Freude zu leben, ich betrachtete die Landschaft, die Welt, den Himmel um mich, ich fühlte mich wiedergeboren. Aber nach einem Marsch von einem Monat schleppten mich Eliz und die anderen Mädchen durch den Schnee. Ich konnte keinen Schritt mehr machen, ich war am Ende. (S. 53)
In Bergen-Belsen sterben viele Mithäftlinge am Typhus. Aber am nächsten kommen die Schwestern dem Tod, als sie sich gegen einen deutschen Soldaten, einen SS-Mann, zur Wehr setzen, der Edith schlägt. Er erschießt sie nicht. Wer den Mut habe, in einem solchen Augenblick einen deutschen Soldaten zu berühren, erklärt er den beiden, habe das Recht zu leben. (S. 56) „Ich begriff diesen Mann nicht. Ich dachte, er sein kein guter Mensch. Er war ein Soldat, für den nur Gewalt und Mut zählten.“ (S. 56f.) Am 15. April 1945 wird Bergen-Belsen befreit.
Die Odyssee durch die Lager und die Schilderung der Todesmärsche nimmt im Buch kaum mehr Raum ein als die Schilderung der Zeit vor der Deportation. Nicht ganz zu Unrecht erinnert das daran, dass es ein Leben vor und eines nach dem Holocaust gab. Für Edith Bruck bedeutet das, mit einem gleichaltrigen Jungen aus Ungarn in Celle zum ersten Mal die Liebe kennen zu lernen, auch wenn die Liebe nur aus einem Kuss und einem Händedruck besteht. So bald wie möglich reisen die Schwestern aber auch wieder zurück nach Ungarn. Sie finden eine ältere Schwester in Budapest und fahren nach Debrecen, wo eine andere Schwester wohlhabend verheiratet wohnt. Hier berichtet ihnen ihr Bruder vom Tod ihres Vaters in einem Lager am 6. März 1945. In ihrem Heimatdorf finden die Schwestern das Haus verwüstet und die Wände mit antisemitischen Inschriften beschmiert. „Wir versuchten sauber zu machen, aber es war nicht mehr unser Haus, das es noch vor kurzem gewesen war.“ (S. 74)
Die Familie ist keine Schutzzone. Hier erlebt Edith Bruck Kränkung und Missbrauch. Eliz verschwindet bald aus Ediths Leben. Sie versteht sich nicht mit ihrer Schwägerin und reist über Budapest nach Israel aus. Bei ihrem Bruder lebt Edith recht glücklich, aber er will sie mit einem alten Freund ihres Vaters verheiraten. Sie geht illegal über die Grenze in die Tschechoslowakei zu ihrer Schwester Mago. Der Bruder ihres Schwagers, Tibi, beginnt eine Liebesbeziehung mit ihr, die unromantischer kaum hätte sein können.
Ich war schon im Bett, und er legte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben mich. Ich hatte nicht mehr die Kraft, ihn zurückzuweisen. Am nächsten Tag sah ich ein, was ich getan hatte, aber von nun an war Tibi für mich der einzige Existenzgrund. (S. 86)
Tibi verheimlicht die Beziehung vor der Familie und droht Edith damit, sie zu töten, wenn sie etwas sagt.
In dieser Zeit veränderte sich alles in mir; ich hatte keine Kraft mehr weiterzuleben, auch keine zu sterben. Für ihn war ich nur eine seiner Geliebten. (S. 87)
Edith wird schwanger und Tibi organisiert eine Abtreibung. Für Edith ist auch die Zeit in der Hauptstadt physisch und moralisch eine Zeit in der Hölle. Der junge Mann, den Edith dann heiratet, ist für sie ein Mittel zur Flucht nach Israel. Ob sie ihn liebt, spielt keine Rolle. „Ich verabscheute alle, vor allem mich selbst. … Kalt und unbeweglich warteten wir auf den Rabbiner.“ (S. 95) Es geht Edith schließlich nur noch darum, nach Israel zu kommen, das sie sich als das „irdische Paradies“ vorstellt.

Israel ist aber nur ein Land wie die anderen. Edith sucht sich ein Zimmer, lässt sich scheiden, arbeitet als Putzfrau, trifft Tibi wieder, den sie mehr denn je verachtet, schläft auf einem Balkon, sucht sich ein neues Zimmer, heiratet erneut, diesmal einen Mann, der auf ihre Kosten lebt, eifersüchtig ist, sie schlägt, von dem Edith aber lange nicht lassen kann. Sie lässt sich schließlich auch von ihm scheiden, arbeitet als Kellnerin und wird doch nicht heimisch in Israel, sondern bleibt vom Leiden heimgesucht und fühlt sich mit zwanzig Jahren alt und schwer von Erinnerungen und Schmerzen.
In den 1950er-Jahren gibt es noch keine Begriffe für ihre Traumatisierung. Anfangs geht man noch davon aus, dass ein Mensch jegliche psychische Belastung ausgleichen kann. Die Traumaforschung beginnt erst Jahre später, sich eingehender mit den Auswirkungen der Holocaust-Erfahrung auf die Psyche von Kindern auseinanderzusetzen. Edith Bruck beschreibt ihre Entfremdung gegenüber den jungen Israelis:
Ich beneidete diese jungen Leute, die voll Energie und Stolz und Idealismus waren; sie waren vielleicht einfältiger als wir, aber weniger von Leiden heimgesucht. Wir waren aus der Hölle der Konzentrationslager gekommen und hofften auf ein ruhigeres Leben, in dem wir weniger zu kämpfen hatte. … Wir waren gekommen, als die Tafel schon bereitet war. Und wären wir jemals gekommen, wenn uns Hitler nicht verfolgt hätte? Vielleicht hatten sie recht; wenn ich diese heiteren und bereitwilligen jungen Leute ansah, fühlte ich mich alt mit meinen zwanzig Jahren, schwer von Erinnerungen und Schmerzen. Ich hätte gern einen von ihnen geheiratet. Aber sie konnten unsere Art, zu lieben und zu denken, nicht verstehen. … Ich antwortete, sie könnten uns nicht verstehen. In Deutschland hätten wir alles und alle verloren, und wir heirateten, um nie mehr auch nur für einen Augenblick allein zu sein. Wir lebten unsere Leben unter dem Alpdruck des Todes. Wir waren in früher Jugend Waisen geworden, ohne moralische Stütze, ohne Heim, ohne Liebe, manche für immer ausgebrannt.“ (S. 133f.)

Edith heiratet noch ein drittes Mal und beeilt sich diesmal mit der Scheidung. Von diesem Mann behält sie nur den Nachnamen und verlässt Israel mit dem Ziel Italien. Das Buch endet hier. Edith Bruck verlässt Israel auf der Flucht vor sich selbst. In Rom wird sie Empfangsdame eines Friseurs, lernt Nelo Risi kennen, ihren vierten Ehemann, mit dem sie bis zu dessen Tod 2015 zusammenleben wird, und schreibt ihre Erinnerungen auf. Ihre Reise in das Erwachsenenleben ist eine erzwungene Flucht vor der drohenden Ermordung, die sie ihre Heimat, ihre Kindheit und ihre Familie kostet.
Literarisch wird Edith Brucks Werk in zwei Zusammenhänge gestellt. Zum einen ist sie eine jener Autoren und Autorinnen, die sich das Italienische als fremde Sprache angeeignet und zu ihrer eigenen literarischen Sprache gemacht haben. Ihr Roman steht daher im Kontext der Migrationsliteratur, die in der italienischen Literatur ein eigenes Genre bildet, mithin eine Gruppe von Texten, die nicht nur von Immigranten auf Italienisch verfasst wurden, sondern die auch Migration selbst zum Thema machen. Zum anderen reihen sich ihre Werke im allgemeinen und Wer dich so liebt… im besonderen in die Literatur ein, die durch die Erfahrung mit dem Holocaust geprägt ist und sich damit auseinandersetzt. Brucks Perspektive ist dabei eine weibliche und adoleszente zugleich, die über die Welt der Lager hinausgreift.
Der Besuch
Edith Bruck kehrte noch zweimal nach Tiszakarád zurück. 1962 besuchte sie das Dorf gemeinsam mit Nelo Risi. Sie erinnerte diesen Besuch später als schrecklich. Frauen aus dem Dorf hätten sie aufgefordert, die Schulden ihres Vaters zu bezahlen. 1982 kehrte sie zurück, um mit Unterstützung der ungarischen Behörden einen Film zu drehen, der die Aufmerksamkeit der Ungarn auf die Deportation der Juden aus ihrer Mitte, auf den verbreiteten Antisemitismus und auf das Ausrauben der Opfer lenken sollte. Tatsächlich nutzte das Regime den Film, A Látogatás (Der Besuch, 1982) dazu, die Mittäterschaft der ungarischen Kollaborateure zu verschleiern. Der Film basierte zwar auf einem Drehbuch Brucks, wurde aber von Regisseur László Révész stark bearbeitet und geschnitten. Um die Produktion in Ungarn zu sichern, hatte Bruck einen unvorteilhaften Vertrag mit der staatlichen Filmproduktion geschlossen. Sie glaubte, dass zwei Filme produziert würden, einer nach ihrem Drehbuch und ein weiterer, der diese Filmproduktion dokumentieren würde. Dadurch konnte Révész Brucks Besuch in ihrem Heimatdorf filmen.
Kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde der bislang vernachlässigte jüdische Friedhof von Tiszakarád erneuert. Das zerstörte Haus der Familiie wurde als Symbol der Abwesenheit und des Verfalls inszeniert. Für das Treffen mit Bruck waren die Dorfbewohner instruiert worden, ein scheinbar spontanes Willkommensmahl vorzubereiten. Auch die emotionalen Reaktionen der Dorfbewohner wurden vorher abgesprochen. Durch das inszenierte Wiedersehen schien es, als ob äußere Mächte Bruck aus der Mitte der Dorfgemeinschaft gerissen und nicht auch die Dorfbewohner selbst ihre jüdischen Mitbürger abgelehnt hätten. Von den Stunden an Filmmaterial über diesen Besuch wurden 18 sorgfältig geschnittene Minuten für den Film verwendet. Der übrige Teil bestand überwiegend aus Interviews mit ungarischen Intellektuellen über Bruck und mit Bruck selbst. Nachdem der Film im ungarischen Fernsehen ausgestrahlt und eher gemischte Kritiken erhalten hatte, verschwand er in den Archiven.
Das verlorene Brot
In fast allen ihren Büchern hat sich Edith Bruck mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Es ist freilich nicht einfach so, dass sie immer nur ihr Lebensthema variiert hätte. Sie versteht sich eher als Autorin, die ihre Stimme dazu nutzt, für die Opfer zu sprechen, die selbst keine Stimme haben. Ihr Buch La rondine sul termofisone (2017), in welchem sie von der Alzheimererkrankung ihres Mannes Nelo Risi berichtet, ist auch ein Bericht über die Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen. Auf der anderen Seite wurden zwei ihrer Manuskripte, die sich mit der sexuellen Ausbeutung junger Albanerinnen beschäftigen, von italienischen Verlagen abgelehnt. Sie wird insofern als Autorin auch festgelegt und in eine Rolle gedrängt.
2021 hat Edith Bruck wieder ein Buch veröffentlicht, Il pane perduto, das verlorene Brot, das zum Finalisten für den Premio Strega gewählt wurde. Sie erzählt erneut von ihrer Kindheit in Ungarn, der Deportation nach Auschwitz und ihrer Rückkehr ins Leben und führt die Erzählung bis in die Gegenwart. Wer dich so liebt… hatte sie ihrer Mutter gewidmet, „für ihr Brot, noch immer das wohlschmeckendste der Welt“. Ihre Mutter backte einmal in der Woche Brot, fünf große Laibe, die für die Woche vorhalten müssen. „[W]enn Brot da war, war alles Wichtige vorhanden.“ (S. 11) In der Welt der Lager herrscht der Hunger vor. Die Gefangenen stehlen einander die wenige Verpflegung, die sie noch haben. Niemand gibt von seinem Brot ab. Als die Gendarmen am Tag der Deportation die Tür des Hauses der Steinschreibers einschlugen, und fortan bis nach Auschwitz weinte ihre Mutter um das verlorene Brot. Die Erinnerung, so beschreibt es Edith Bruck, ist nunmehr zu ihrem täglichem Brot geworden, um die Erinnerung an die Monstrosität Auschwitz wach zu halten.
Literatur
Edith Bruck, Wer dich so liebt…, übertragen von Cajetan Freund, Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main 1961.
Sekundärliteratur
- Philip Balma, „Edith Bruck’s Experience in Italy. Publishing, Cinema, and the Thematic Ghetto,“ in: Raniero Speelman, Monica Jansen u. Silvia Gaiga (Hg.), Contemporary Jewish Writers in Italy. A Generational Approach (= Italianistica Ultraiectina 2). Utrecht: Igitur, Utrecht Publishing & Archiving Services, 2007, S. 107‐113.
- Philip Balma, Edith Bruck in the Mirror. Fictional Transitions and Cinematic Narratives, West Lafayette, IN: Purdue UP, 2014.
- Titus Heydenreich, „Edith Bruck. Eine Schriftstellerin der Italia Judaica,“ in: Irmgard Scharold (Hg.), Scrittura femminile. Italienische Autorinnen im 20. Jahrhundert zwischen Historie, Fiktion und Autobiographie, Tübingen: Narr, 2002, S. 145–158.
- Laurent Jullier und Jean-Marc Leveratto, „The Story of a Myth : The “Tracking Shot in Kapò” or the Making of French Film Ideology,“ in: Chapelles et querelles des théories du cinéma 8 (2016). (Link, abgerufen 12. September 2021)
- Andrea Pető, „Politics of Memory in Edith Bruck’s Three Visists to Tiszakarád,“ in: Kathrin Huxel et al. (Hg.), Postmigrantisch gelesen. Transnationalität, Gender, Care, Bielefeld: transcript, 2020, S. 219–234.
- Nelo Risi, Introduction (1974), in: Edith Bruck, Who loves you like this, übers. von Thomas Kelso, Philadelphia: Paul Dry Books, 2001, S. vii-xii.
Weblinks
- Aline Wetzelaer und Ineke Minuscoli, Wir sind alle anders: Edith Bruck zum Trauma der Shoah im dritten Jahrtausend. Kultur-Port.de,
- Andrea Pető, One Film – Two Visits. Edith Bruck in Tiszakarád (If This Is A Woman – EHRI Document Blog Series on Gender Studies and Holocaust History), 22. April 2020 (abgerufen 1. September 2021).
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